2000 Jahre Christentum

 

Folge 4

05. Dezember 1999

Kreuz und Schwert

Das Christentum wird Christenheit

 

Buch: Friedrich Klütsch

Regie: Martin Papirowski

Redaktion: Raimund Ulbrich

 

 

Themenübersicht

 

 1. Der Architekt

2. Die Welt des Mittelalters

3. Cluny

4. Der Investiturstreit

5. Die Kathedrale I

6. Pilger

7. Die Begegnung mit dem Islam

8. Die Scholastik

9. Die Kreuzzüge

10. Kreuzzug gegen die Juden

11. Kreuzzug gegen innerkirchliche Feinde - Inquisition und Katharer

12. Das Ende der Kreuzfahrerstaaten

13. Die Kathedrale II

 

 

 

 

 

Trailer und Serientitel

Prolog

Der gläubige Mensch des Mittelalters. Sinn und Richtung seiner Existenz bleiben ihm letztlich - wie in einem Labyrinth - verborgen. Aber er weiß Gott im Zentrum der Welt. Sein Vertrauen in die göttliche Ordnung ist ungebrochen, die Einheit von Kirche und Welt, Glauben und Leben noch über allen Zweifel erhaben. Nirgends wird diese Haltung so deutlich wie in dem ungeheuren Willensakt der Epoche: dem Bau der großen Kathedralen.

Eine geometrische s/w-Collage konkretisiert sich zum steinernen Fußboden einer Kathedrale. Schwarze und weiße Platten bilden ein kunstvoll verschlungenes Labyrinth. Der "Architekt" sucht und verfolgt den Weg zum Mittelpunkt des großflächigen Ornaments.

 

  

Musikakzent. Die Kamera wird aus ihrer Ausgangsposition bis hinauf zum Gewölbescheitel katapultiert (Blickrichtung nach unten). Das lichtdurchflutete Langhaus einer großen Kathedrale.

 

 

 

 

Folgentitel "Kreuz und Schwert"

 

1. Der Architekt

Die Durchführung der Bauvorhaben liegt in der Hand von Architekten, die sich nun - im Gegensatz zu ihren anonym gebliebenen Vorgängern - auch in ihren Bauwerken verewigen. Architektur ist noch eine reine Erfahrungswissenschaft, deren Kenntnisstand zumeist vom Vater an den Sohn weitergegeben wird. Einblicke in das geheime Wissen der Meister geben sogenannte Musterbücher, von denen nur wenige erhalten sind.

Die Grabplatte eines Architekten. Seine vier Attribute: Modell, Maßstab, Winkel und Zirkel. Aus der Frontalansicht der zweidimensionalen Steinplatte schält sich der "Architekt" im farbigen Gewand zu einer Halbplastik heraus. Abblende.

Die Musterbücher geben Auskunft über statische Konstruktionsweisen, Arbeitstechniken und die geometrischen Grundlagen für den Bau der großen Kathedralen.

Schwarzer Grund. Im Lichtkegel: ein schmaler Band, etwa im DINA5-Format. Eine Hand öffnet das Buch. Im Blick: Strebetechnik, Baumaschinen, schließlich die von geometrischen Figuren durchzogene Skizze der Portalrosette von Laon.

Das Gelingen eines Kathedralenbaus hing aber nicht nur von dem Können der Architekten ab, sondern insbesondere von den finanziellen Möglichkeiten der Bauherren. Das Vermögen des Bischofs und seiner Chorherren wiederum basierte auf dem wirtschaftlichen Ertrag ihrer Ländereien als auch auf den von der Bevölkerung zu leistenden Abgaben.

Überblendung in die reale Portalrosette in Laon. Rückfahrt, bis der zeichnende Architekt ins Bild kommt, seinen Maßstab hat er als Kimmhilfe über die freie Schulter gelegt. Er sitzt auf einem Schemel vor der Rosette des Westportals. Langsam bewegt er sich aufwärts. Vor den Turmochsen kommt die Auffahrt zum Stehen. Zufahrt in Overshoulder. Verdichtung auf die Turmskizze mit den Ochsen. Skizze bildfüllend. Überblendung.

 

 

2. Die Welt des Mittelalters

Die Speisekarte des Mittelalters hatte bereits einen Umfang, der heutigen Verhältnissen vergleichbar ist. Eine anhaltende ertragsteigernde Wärmeperiode, effektivere landwirtschaftliche Methoden, neue technologische Entwicklungen, und die Wiederbelebung des Mittelmeerhandels sorgen für einen erhöhten Lebensstandard, verlängerte Lebenserwartung, Bevölkerungszuwachs. Eine Urbanisierung des Lebens vollzieht sich: die Städte wachsen, auf dem Land entwickeln sich Dorfstrukturen. Das christliche Europa prosperiert und mit ihm seine Kirche.

Außen, Dämmerung. Ein ankommendes Ochsengespann zieht an geparkten Autos vorbei. Ein moderner Mittelalter-Markt. Handwerker, Händler, Bauern. Details der angebotenen Maschinen und Waren: die "Früchte" der ökonomischen Revolution, die der Zeitgenosse erlebt.

Die mittelalterliche Gesellschaft ist ein fest gefügtes Kastensystem, in dem jeder nach seinem Stand einen zugewiesenen Platz hat. Das feudale System türmt sich zu einer Pyramide. An ihrer Spitze steht Gott selbst, dann folgen seine Vertreter auf Erden: Kaiser und Papst, darunter der Adel, die Bischöfe, Kaufleute, Bauern und die "Armen", die Bettler und Aussätzigen. Da alles von Gott gefügt ist, hat Armut keinen diskriminierenden Charakter. Identitätsstiftend ist mithin weder Nationalität noch sozialer Rang, sondern die Zugehörigkeit zum christlichen Gottesreich.

Fortgeschrittene Dämmerung. Eine Gauklertruppe, umringt von Neugierigen. Feuerspeier, Schwertschlucker, Kettensprenger, akrobatischer Bau einer kleinen Menschenpyramide vor dunkelblauem Himmel.

Brandstiftung. Was aber steckt dahinter? Das aufstrebende städtische Bürgertum befindet sich in einem Dauerkonflikt mit dem vom König eingesetzten Bischof. Die Abwesenheit des Bischofs nutzen die Bürger, um den verbliebenen Kirchenherren Privilegien in den Bereichen Handel, Abgaben und Rechtsprechung abzukaufen. Die bürgerliche Selbstverwaltung zeichnet sich ab. Nach der Rückkehr des Bischofs kauft dieser aber nach ma. Recht die abgegebenen Privilegien vom fr. König zurück. Einer der Anführer der bürgerlichen Emanzipation wird beim Gebet in der Kathedrale auf Geheiß des Bischofs ermordet. Das Faß läuft über.

Nacht, Beleuchtung v.a. durch Feuer- und Fackelschein. Die Zeitgrenzen verschwinden unauffällig. Aus einem Kirchenportal treten drei Laienschauspielerinnen hervor. Im Hintergrund (Paradies des Kircheneingangs) ist ein beleuchtetes Golgatha-Modell angebracht. Laut klagend (lateinischer Singsang mit französischem Akzent) entdecken die Frauen das leere Grab Jesu (einfache, aber große Bühnendekoration). Nur das Leichentuch liegt noch davor. Ein Engel erscheint. Der spricht kurz mit den Frauen. Daraufhin läuft eine von ihnen rufend in die Kirche zurück. Drinnen erhebt sich lautes Männergeschrei. Plötzlich stürmen zwei Männer (Johannes führt, fällt aber, Petrus hinkt!) aus der Kirche heraus und absolvieren einen Parcours über den belebten Marktplatz, bevor sie atemlos das Grab (und den Engel) erreichen. Der Wettlauf gibt Gelegenheit zur Vorstellung der Rollen und Typen, die das Zeitalter kennzeichnen: die dörfliche Bäuerin, der städtische Bürger, der höfische Ritter, die Klosterschwester und der bereits bekannte Architekt. Neugierig bis amüsiert verfolgen sie das burleske Geschehen.

Im Off: ein Schrei. Akustischer Tumult. Hektische Kamerabewegungen auf der Suche nach dem Auslöser. Rauchschwaden verdunkeln das Bild. Alarmglocken läuten. Tierschreie. Der Rauch kommt aus dem Kircheneingang.

In der Woche nach Ostern des Jahres 1112 formiert sich der Protest zu einer gezielten Aktion gegen die feudalen Kirchenherren, deren Häuser gebrandschatzt wurden. Schließlich dringt die aufgebrachte Menge in den Bischofspalast ein. Am nächsten Morgen wird der Bischof gefunden.

Rauch. Zufahrt auf das Gesicht des Architekten, in dem sich Flammenschlag spiegelt. Er schaut nach oben. Gegenschuß: durch das bunte Glas der Kirchenfenster ist der Tanz der Flammen im Kircheninnern zu sehen. Jetzt platzt das Glas in der Hitze. Die Kathedrale brennt.

Die nach Laon beorderten Truppen des Königs können die Stadt nicht befrieden. Ein Jahr dauern die blutigen Unruhen, bis der König kanonische Neuwahlen zuläßt. Er verzichtet auf die Investitur. Nicht er setzt mehr den Bischof ein, sondern dieser wird durch die Wahl des gesamten Klerus ermittelt: Chorherren, Priesterschaft, Nonnen und Mönche. Das Ende der feudalen Herrschaftskirche.

Langsame Fahrt über die vom Löschwasser nassen Pflastersteine. Die Glassplitter eines zerborstenen Kirchenfensters. Ein zerbrochener Bischofsstab, schließlich der in einer Blutlache liegende, enthauptete Körper.

Die Aufgabe des Investiturprivilegs durch den König steht in direktem Zusammenhang mit der bedeutendsten Kirchenreform des Hochmittelalters. Der Name der Reform ist gebunden an den Ort ihrer Entstehung: Cluny!

Der Leichnam wird mit einem hellen Tuch zugedeckt.

 

 

3. Cluny

Vom Herzen Frankreichs aus verbreitet sich nicht nur die gotische Kirchenarchitektur über das westliche Abendland. Noch eine andere Bewegung nimmt auf französischem Boden ihren Anfang. Sie hat nicht nur den innerstädtischen Machtkonflikt in Laon entschieden, sie wird wie ein Erdbeben die festgefügten Machtstrukturen des ganzen christlichen Europas aufbrechen. Epizentrum ist das Benediktiner-Kloster in Cluny. Seine Bedeutung läßt sich an seinen Ausmaßen ablesen. Cluny beherbergt den größten Kirchenraum der Christenheit.

Gérard Régnier bei seiner Grundriß-Aktion (der Grundriß der ehemaligen Kirche wird durch weiße Tücher markiert, beta sp-Video vorhanden). Dynamische Collage des Tücherausbreitens, variiert vom Detail bis zur Hubschraubertotale. Tücher als Keyfläche benutzen, um darin dichte, dokumentarisch gedrehte Prozessionsszenen zu erkennen.

Die Ausbreitung der clunaszensischen Reform. Zunächst handelt es sich dabei um eine Klosterreform, die die Auswüchse bei der Ausstattung und Finanzierung der mönchischen Einrichtungen beseitigen will. Ihre weltpolitische Bedeutung erwächst der Cluny-Reform aber durch die Forderung nach einer Befreiung der Kirche vom Einfluß weltlicher Laien.

Ausgehend von dem fortgesetzten Hubschraubersteigflug Überblendung in eine animierte Landkarte Europas, aus dem die wichtigsten Reformklöster als 3D-Modelle herausmorphen.

Die Investitur von Bischöfen und Äbten liegt - als Gegenleistung für den gewährten Schutz - seit Karl dem Großen in den Händen der europäischen Könige. Nun scheuen sich die weltlichen Machthaber immer weniger, Freunde oder Gönner in die ertragreichen Positionen zu befördern, die Ämter an den Meistbietenden zu verkaufen und selbst Päpste nach Gutdünken ein- oder abzusetzen.

Die zeitgenössische, halbplastische Darstellung einer Investitur. Der Bischofsstab macht das Recht zur Ausübung von Herrschaft sinnfällig, der Ring die kirchlichen Aufgaben. Über ein dreidimensionales Morphing entwickelt sich der Stab aus der Halbplastik heraus zu einem echten Bischofsstab. Rückfahrt vom Stab aus in die Halbtotale eines nachgestellten Investiturzeremoniells.

Theologische Ausbildung und moralische Kompetenz spielen bei der Ämterbesetzung keine Rolle. Die Beachtung des Zölibats liegt diesen geistlichen Würdenträgern ebenso fern wie Rücksichtnahmen bei der Weitergabe ihrer Ämter und Pfründe, die vielfach an die eigenen Söhne vererbt werden. Die Glaubwürdigkeit der Kirche steht auf dem Spiel. Eine übergreifende Neuordnung der Machtverteilung zwischen Staat und Kirche ist gefordert.

Die inszenierte Investitur friert ein und morpht zurück zu einer identisch angeordneten Kupferstich-Darstellung einer Investitur. Gleicher Stil: zeitgenössische Karikaturen, die verschiedene Formen der Simonie und des Ämtermißbrauchs anprangern.

Und mit Papst Gregor VII., der als Mönch Hildebrand seine Jugend in Cluny verbracht hatte, hat sie einen Mann gefunden, der bereit ist, das Investiturrecht vom deutschen König zurückzufordern. Ein historisches Dokument soll dabei die Argumentation der Kirche unterstützen: die Konstantinische Schenkung.

Darstellung von Mönch Hildebrand und als Papst: Gregor VII. Überblendung in Johannes-Paul II

Diesem Dokument zufolge überträgt der erste christliche Kaiser, Konstantin der Große, dem Papst und seinen Nachfolgern die Oberherrschaft über das katholische Westeuropa.

Rom. Petersplatz. Urbi et Orbi. Der Segen als weltumspannende Geste. Der Papst verläßt den Balkon, die Tür schließt sich bildfüllend hinter ihm. Überblendung und Zufahrt: ein Faksimile der Schenkungsurkunde vor Schwarz. Fortgesetzte Zufahrt in die Flächen zwischen den Zeilen.

Das Ergebnis der Untersuchung ist zweifelsfrei: die Konstantinische Schenkung ist eine Fälschung und wurde Ende des 8. Jahrhunderts in Rom angefertigt, also mehr als vierhundert Jahre nach Konstantins Tod. Bereits die Zeitgenossen des Investiturstreits zweifeln die Echtheit der Schenkungsurkunde an, allen voran der deutsche König Heinrich IV., der sich als rechtmäßigen Nachfolger der deutsch-römischen Kaiser betrachtet und die Forderungen des Papstes kompromißlos zurückweist.

Eine Pinzette legt ein kleines Stück Pergament in einer Glasschale ab. Eine Untersuchung nach der C-14-Methode. Rückfahrt aus dem Papier heraus. Zum Schluß wieder der lateinische Text.

 

 

4. Der Investiturstreit

Aus dem Off: "Heinrich, nicht durch Anmaßung, sondern durch Gottes heilige Einsetzung König, an Hildebrand, nicht mehr den Papst, sondern den falschen Mönch. Du also, durch diesen Spruch Verdammter: steige herab, verlaß den angemaßten apostolischen Stuhl. Denn ich, Heinrich, von Gottes Gnaden König, mit allen meinen Bischöfen sage ich Dir: Steige herab, steige herab, Du durch Jahrhunderte zu Verdammender!"

Groß über dem Text einblenden: ein gekrönter Kopf, anmaßende, stechende Augen, Fortsetzung der Rückfahrt bis in die Halbtotale, Hitzeschleier weichen das Bild auf, der Mann sitzt (mit nacktem Oberkörper, in einer einfachen, offenen Sänfte) in einem Meer von Kerzen.

Papst Gregors VII. Antwort hat die Form eines Gebets, aber die Wirkung eines Schwerthiebs.

Ende der Fahrt. Halbtotale.

"Heiliger Petrus, neige zu mir, Deinem Knecht Gregor, gnädig Dein Ohr. Zur Ehre und zum Schutze Deiner Heiligen Römischen Kirche widersage ich im Namen des allmächtigen Gottes, dem König Heinrich, Kaiser Heinrichs Sohn, der gegen Deine Kirche mit unerhörtem Hochmut sich erhoben hat, die Herrschaft über das gesamte Reich der Deutschen und Italiens und löse alle Christen von dem Band des Eides, welchen sie ihm geleistet haben und untersage jedem, ihm fürder als einem König zu dienen!"

Stopptrick: mit einem Schlag werden die Kerzen ausgeblasen. Hintergrund ausblenden. Allmählich tritt eine winterliche Mittelgebirgsszene mit Schneefall aus dem Dunkelblau hervor. Hinfahrt bis Große auf den thronenden König. Jetzt hat er die Augen geschlossen. Ab Halbnaher wehen vereinzelte Schneeflocken ins Bild, der Schneefall im Hintergrund wird dichter.

Der Bannspruch des Papstes hat kapitale Wirkung. Der deutsche König sieht sich einer nahezu geschlossenen Opposition im eigenen Land gegenüber, ein Gegenkönig wird gekürt. Dem 26jährigen Heinrich bleiben wenige Monate, um sich vom Kirchenbann lossprechen zu lassen. Und dafür gibt es nur einen Weg.

Dem Mann auf dem Thron wird die Krone abgenommen und eine grobe Kapuze übergeschoben. Das Gesicht verschwindet im Kapuzenschatten, der Hintergrund bleibt.

Ein Trek von etwa acht Berittenen auf einem einsamen, verschneiten Gebirgsweg ist jetzt in der Totalen zu erkennen. Die Reiter kommen näher, bleiben stehen.

Canossa. Januar 1077. Papst Gregor prägt mit seiner Beschreibung der Begegnung die überlieferte Legende vom Canossagang des deutschen Königs.

Gegenschuß, langsamer Zoom. Durch den Schnee hindurch werden die Umrisse einer Burg sichtbar.

"Der sich friedlich zeigende König kommt mit wenigen Begleitern an meinen Aufenthaltsort in Canossa. Er entledigt sich seiner königlichen Tracht und verharrt in Mitleid erregender Art, barfuß und in härenem Gewand vor dem Burgtor und erbittet weinend die päpstliche Absolution."

Soweit die Legende. Was aber geschah wirklich in Canossa?

Drei dumpfe Schläge auf das innere Burgtor. Nackte Füße im Schnee. Eine rotangelaufene Hand umklammert einen hölzernen Stab. Wiederholtes Anklopfen mit dem Stab. Halbtotale: ein Mann im Büßergewand steht vor dem unüberwindlichen Burgtor.

Ein Chronist beschreibt die Ankunft des Königs folgendermaßen: "Heinrich wird in Italien von seinen Anhängern ehrenvoll aufgenommen und es sammelt sich um ihn ein großes Heer, zumal man von ihm endlich die Absetzung des verhaßten Papstes erwartet. Dieser war unterdessen von Rom abgereist, um auf dem Augsburger Fürstentag über Heinrich zu entscheiden. Als er vom bedrohlichen Eintreffen des Königs in Italien erfahren hatte, zog er sich auf die Burg von Canossa zurück."

Ein Dutzend große Zelte in einem verschneiten Tal. Rauch steigt von mehreren Lagerfeuern auf.

Heinrichs Belagerungsplan geht auf. Er erreicht die Aufhebung des über ihn verhängten Kirchenbanns und verhindert seine Absetzung vom deutschen Königsthron. Gregor aber trägt den propagandistischen Sieg davon. Seine Version der Ereignisse wird sich in den Köpfen festsetzen. Aber er hat auch bewiesen, daß die Kirche mit der Exkommunikation über ein politisches Machtmittel ersten Ranges verfügt. Der Kirchenbann des Königs hat die weltlichen Herrscher tief beeindruckt und wird entscheidend zur Durchsetzung der Neuordnung der Machtverhältnisse zugunsten der Kirche beitragen.

Wieder das Burgtor. Eine Hand im Kettenhandschuh schlägt dagegen, jetzt klingt das Klopfen fordernd. Schließlich geht das Tor auf.

Die Frage, wer eigentlich Herrscher auf Erden ist, scheint durch Canossa entschieden: nie ging der politische Machtanspruch der Päpste weiter als in dieser Epoche. Und zu keiner anderen Zeit gelang es ihnen, diesen Anspruch auch durchzusetzen.

Die leere Sänfte, vereinzelte Kerzen. Abblende.

 

 

5. Die Kathedrale

Im Off: "Nach einer gemeinschaftlichen Beratung mit unseren Brüdern haben wir nach reiflicher Überlegung beschlossen, unter der Eingebung Gottes, diese geheiligten Steine der alten Kirche wie Reliquien zu behandeln und uns zu bemühen, jene Kirche, deren Neubau durch eine so zwingende Notwendigkeit begonnen wurde, durch Schönheit, Länge und Höhe zu veredeln."

Aufblende. Die Pflasterstraße vom Bischofsmord. Wieder eine langsame Fahrt. Füße kommen ins Bild, ein Fuhrmann zerrt einen Ochsenkarren durch die Straße. Der Karren ist mit geschnittenen Steinen beladen. Auf dem Karren sitzt der Architekt und mißt die Kanten mit seinem Maßstab nach. Die Kamera springt auf, fährt mit, nähert sich dem Mann, der Notizen in seinem Baubuch einträgt.

Zur Finanzierung des Kathedralenbaus spendet der Bischof ein Zehntel seines Einkommens. Die Chorherren tun es ihm gleich. Aber das wird nicht reichen. Die Steuern werden erhöht. Es gibt die "rouage", eine Steuer auf alle beladenen Karren gemäß ihrer Fracht.

Der Karren rollt mit Ladung und Besatzung auf den bekannten Markt. Hier steht eine Wache, die den Wegzoll verlangt. Im Hintergrund führt ein Schreiber Buch. Der Karrentreiber zahlt.

Die "tonlieu" wird auf alle zum Verkauf angebotenen Waren erhoben.

Der Architekt beobachtet vom anfahrenden Karren aus, wie eine Bauersfrau das Gemüse in ihrem Korb herzeigt und bezahlt, bevor sie damit auf die Marktstraße darf.

Die Anwendung von Maßen und Gewichten wird mit der "jaugeage" belegt.

Der fahrende Karren kommt an einer Waage vorbei.

Außerdem genießt der Bischof das Recht der jolonée, der kostenlosen Selbstbedienung bei Früchten und Gemüsen, ja sogar Tiere kann er zu einem Preis kaufen, den er selber bestimmt.

Verkaufsszene.

Der neue Bischof, der aufgrund seines - im Vergleich zu seinem Vorgänger - einwandfreien Lebenswandels den Respekt der Bevölkerung zurückgewinnen konnte, verliert wegen des teuren Neubauprojektes an Sympathie.

Der Karren verläßt die Marktstraße und zieht am Kirchenportal vorbei. Zufahrt. Überblendung ins Kircheninnere.

Aber auch innerkirchliche Kritik mußten die Bauherren aufgrund ihrer aufwendigen Vorhaben hinnehmen:"Unbedingt zu meiden sind unbescheidene Längen des Kirchenbaus, weil sie gottlos sind, und die leeren Höhen bis zu den Decken, weil sie den Gedanken verwirren, ebenso maßloser Zierrat und jedes Schmücken des Chorkranzes, weil es eitel ist."

Fahrten erschließen majestätische Kirchenräume

Die kirchlichen Bauherren weisen die Kritik zurück und verteidigen ihre Baupläne.

Zeichnung der Kathedrale von Beauvais

"In der Mitte nämlich erheben sich 12 Säulen, die die Anzahl der 12 Apostel vorstellen, in zweiter Linie ebensoviele Säulen der Seitenschiffe, die die Zahl der Schar der Propheten bezeichnen, das Gebäude unvermittelt hoch, damit es, so wie der Apostel sagt, wachse zu einem heiligen Tempel des Herrn. Je höher und je passender wir in ihm uns bemühen, materiell zu bauen, desto mehr werden wir in ihm selber darin belehrt, daß wir durch uns selbst geistlich aufgebaut werden zu einer Wohnung Gottes im Heiligen Geist."

Überblendung in ein Modell der Kathedrale.

In der nordfranzösischen Kleinstadt Beauvais haben Bischof und Domkapitel beschlossen, die Kathedralbauten der Nachbarstädte Noyon, Amiens und Laon noch zu übertreffen. Beauvais soll die Heimat der höchsten Kirche der Christenheit werden.

Dramatischer Himmel über dem Abbruchrand eines großen Steinbruches.

Im Off: "An jenem Tage, als infolge eines Platzregens ein dunkler Schatten die aufgewühlte Luft bedeckt hatte, hatten sich, als die Wagen am Steinbruch eintrafen, diejenigen, die gewöhnlich als Arbeitshiilfen tätig waren, wegen der Heftigkeit des Regens entfernt. Die Ochsentreiber aber sahen sich um und riefen laut, daß sie durch die Muße der Arbeiter untätig seien, und daß die wartenden Arbeiter sich erheben mögen. Sie drängten durch lautes Rufen so lange, bis schließlich einige Kraftlose und Schwache zusammen mit einigen Jungen, deren Zahl nach 17. Und alsbald schleppten die Unverdrossenen eifriger heraus, was gewöhnlich 140 oder mindestens 100 Personen nur schwer aus der Tiefe herausgezogen hätten, nicht aus eigener Kraft, was nicht möglich gewesen wäre, sondern durch den Willen Gottes und durch die Unterstützung der Heiligen, die diese anriefen; und sie brachten die Säule auf einem Wagen zur Baustelle der Kirche. Und dort wurde der gesamten Nachbarschaft verkündet, daß dieses Werk dem allmächtigen Gott äußerst gefalle, da Er zum Lob und zum Ruhm Seines Namens durch diese und derartige Zeichen Seinen Arbeitern gezeigt habe, dieses Werk fortzuführen."

Gegenschuß. Zufahrt. Heftiger Regen setzt ein. Der Architekt sieht den Arbeitern zu. Analoge Montage der Vorgänge in dem 'modernen' Steinbruch zu dem Bericht.

Der mittelalterliche Kathedralenbau ist ein europäisches Unternehmen. Architekten aus Flamen, Steinmetze aus der Lombardei, Glasbläser aus Süddeutschland, Spezialisten aus dem ganzen christlichen Abendland werden in der Umgebung des Baubetriebes angesiedelt. Generationen investieren ihre Lebensarbeit in die Dombauten.

Die Bauhütte von Chartres. Steinmetze, Zimmerleute, Statiker am Computer, der Bauhüttenmeister;

Sie hinterlassen individuelle Spuren ihrer Mitwirkung, geheimnisvolle Zeichen und lebensfrohe Botschaften an ihre entfernten Nachfolger.

Subjektiv. Gänge durch die geheimen Räume von Chartres. Im Lichtkegel werden Ritzzeichnungen, Markierungen, und versteckte Figuren entdeckt.

"Nachdem aber die beiden Triforien und die oberen Fenster fertig waren, und als ich die Gerüste zur Wölbung des großen Gewölbes am Anfang des fünften Jahres vorbereitet hatte, da zerbrachen plötzlich die Balken unter meinen Füßen, und zugleich zwischen den Steinen und Hölzern stürzte ich zur Erde aus der Höhe der Kapitelle des oberen Gewölbes, nämlich fünfzig Fuß. "

Aus dem Dunkeln kommt ein Lichtschein auf die Kamera zu. Spannung. Es ist der ma. Architekt. Wir folgen ihm zu einer Tür, die oberhalb der Kapitelle zum Deckengewölbe führt. Der Architekt steigt auf ein Baugerüst.

"Nach Gottes Willen überlebte ich den Sturz, mußte mich aber zur Genesung von allen Arbeiten zurückziehen. Da aber das Dach noch bis zum Winter geschlossen werden sollte, übergab ich den Bau an einen anderen Meister."

Der Architekt bricht durch eine Holzbohle des Gerüstes und fällt.

Im sechsten Baujahr kommt es in Beauvais zu militanten Bürgerprotesten. Der Bischof hatte die Geldwechsler bei den Abgaben für den Kirchenbau gegenüber den Vertretern der 21 Stände bevorzugt. Angesichts der gewalttätigen Auseinandersetzungen verlassen Bischof und Domkapitel die Stadt. Der Bischof verhängt das Interdiktum über die Stadt.

Verlassene Werkstätten der Bauhütte.

Für die nächsten Jahre wird es in Beauvais keine Messen und Gottesdienste geben, es werden keine Sakramente gespendet, weder zur Geburt, noch zur Ehe, oder zum Sterben. Neben der Exkommunikation ist das Interdiktum das zweitwichtigste Machtmittel des Klerus.

Verlassene Kirchenräume.

Das gotische Meisterwerk ist in erster Linie Ausdruck des Reichtums und der Macht der Kirchenhierarchie. Für die leibeigenen Bauern und die abgabenpflichtigen Bürger ist das Bauwerk vor allem ein Zeichen der Unterdrückung. Die Identifizierung der lokalen Bevölkerung mit dem sakralen Gebäude entwickelt sich erst mit den folgenden Generationen.

Ausgehend von der Portalrosette Rückfahrt in eine Totale der Kathedrale.

Sechs Jahre dauert die Unterbrechung des Baubetriebes in Beauvais. Die meisten Handwerker haben die Stadt inzwischen verlassen. Steine aus den Mauern der Kirche wurden von den Bürgern beim Bau ihrer Häuser eingesetzt. Um den Baubetrieb endlich wieder in Gang zu bringen müssen neue Finanzquellen erschlossen werden. Der Bischof läßt eine wertvolle Armreliquie importieren. Die Stadt soll eine wichtige Durchgangsstelle des oberen Jakobsweges werden. Der Kathedralenneubau soll durch die Massenbewegung des Mittelalters unterstützt werden: durch die Pilger.

Subjektive: Pflasterstraße. Ein alter Römerweg.

 

6. Pilger

Ein Pilgerführer aus dem Jahre 1140 gibt Ausstattung und Verhaltensregeln vor. Nimm diese Tasche als Zeichen der Pilgerschaft, damit du geläutert und befreit zurückkehren mögest. Die Tasche ist klein. Der Vorrat, den sie behält ist mager, denn du sollst auf deinen Herrn vertrauen. Sie ist offen und oben ungebunden, damit du freigiebig bist in deinen Almosen. Sie ist aus der Haut toter Tiere, da auch du die Laster und Begierden deines Fleisches durch Hunger und Durst, Fasten, Kälte und Entbehrung abtöten sollst.

Nimm auch den Stab, gleichsam als deinen dritten Fuß, er beweist deinen Glauben an die Dreieinigkeit, er verteidigt dich gegen die Wölfe und Hunde und gegen deine Feinde, damit du sicher zurückkehren mögest.

Gehst du aber nach Jerusalem, so trage eine Palme als Zeichen deines Triumphes. Gehst du nach Santiago zum hl. Jakobus, so trage eine Muschel als ein Zeichen deiner guten Werke.

Abenddämmerung. Ein einsamer Pilger auf der alten Straße. Totale. Annäherung. Schließlich die Details seiner spezifischen Ausstattung: Tasche, Stab, Jakobsmuschel.

Die Jahrtausendwende sieht eine Völkerwanderung der religiösen Art. Pilgerströme ergießen sich über das Abendland. Aus dem Norden und dem Westen kommen sie, machen sich für Monate von ihren Familien und Berufen los, aus Dankbarkeit, Glaubenseifer, oder auch um der Enge ihrer Lebensverhältnisse zu entkommen. Testamente werden vorsorglich geschrieben, viele Pilger kehren nie zurück. Reiche leisten es sich, Stellvertreter auf die Reise zu schicken.

Die Pilgerstationen sind wichtige Umschlagsplätze für Waren und Information. Wallfahrtsorte wachsen zu Wirtschaftszentren. Die Ziele liegen im Süden: Jerusalem, Rom, und vor allem Santiago de Compostela.

Hinter dem einzelnen Pilger kommt eine größere Gruppe ins Bild, geht in die gleiche Richtung. Die Kamera hebt ab. Flugaufnahmen. Eine Landkarte (wiederum 3D-animiert) illustriert die 'Pulsadern' des europäischen Pilgerstroms. Multilayering, Überflug der Steppenlandschaft Südfrankreichs, des saftiggrünen Hügellandes, der Schnee- und Steinlandschaft der Pyrenäen.

Über den Weg der Gebeine des Heiligen Jakobus (des Älteren) in die Kathedrale Santiagos hält sich eine Legende. Im Jahre 44 kehrt der Heilige von seiner Mission nach Jerusalem zurück, wo er als Märtyrer enthauptet wird. Seine Schüler bringen die Gebeine des Jakobus zurück in das Land seines missionarischen Wirkens: nach Spanien. Zwei wilde Stiere ziehen den führerlosen Wagen mit den sterblichen Überresten hinauf ins Hügelland.

Die Translatio des Jakobus. Blaue Stunde unter dem flimmernden Sternenzelt. Ein führerloses Ochsengespann zieht einen Wagen über einen Höhenweg. Magische Atmosphäre.

Die Männer des Ortes begrüßen singend den Heiligen zu begrüßen und weisen ihm mit den Fackeln den Weg.

Nachts. Suggestive Bilder des Festes El Vitor.

Männer in ledernen Umhängen, mit weiten Lederhüten gegen den herabfallenden Teer geschützt, tragen singend an meterlangen Stäben befestigten Teerfackeln.

An der Stelle, an der die Tiere schließlich stehenbleiben, errichtet man ein Grabmal aus Marmor. Das Grab gerät in Vergessenheit. Im Jahre 813 aber wird ein Eremit von einem Kometen zur heiligen Stätte geführt, die bald zum Ziel der größten Wallfahrt des Mittelalters wird.

Morgens. Von weitem als Schattenriß.

 

Das Grab des Heiligen Jakobus, heute. Impressionistisch, beobachtend: neuzeitliche Heiligenverehrung.

Glockengeläut. Schnelle Schnittfolge hin zu den pendelnden Glocken.

 

 

7. Die Begegnung mit dem Islam

Santiago de Compostela, die Christenheit schreibt das Jahr 997, die Welt des Islam zählt das Jahr 387 des Auszugs nach Medina.

Das Glockenläuten als Katastrophenalarm, gemischt mit Kampfgeschrei. Im dunklen Glockenboden der Kathedrale von Santiago de Compostela. Die Szene wird nur von harten, durch Löcher und Schlitze einfallenden Sonnenstrahlen beleuchtet. Wolken von Staub. Zwei Mönche haben sich an die peitschenden Seile gehängt. Die schwere Eichentür zum Glockenboden wird von außen aufgebrochen. Im Gegenlicht steht ein muslimischer Krieger, der Halbmond auf seinem Helm zeichnet sich scharf im Gegenlicht ab.

Seit drei Jahrhunderten beherrschen Muslime die iberische Halbinsel. Allerdings können sie die Grenzen ihres Reiches zum nördlichen Hochland hin, in das sich die christlichen Eliten zurückgezogen haben, nie ganz befrieden.

Der Krieger holt zu einem weiten Schlag mit seinem Schwert aus. Der blitzende Stahl durchtrennt ein Seil. Aus der Froschperspektive, Zeitlupe: senkrecht von oben fällt zischend eine Glocke herunter und bedeckt das Bild.

Eine Strafexpedition hebt das christliche Feldlager in Compostela aus. Die Truppen des Kalifen zerstören die Quartiere. Das Grab des Heiligen Jakobus bleibt unangetastet.

Frühmorgendliches Gegenlicht. Aus einem nahezu ausgebrannten Pilgerrefugio des Jakobswegs tritt Qualm aus, der durch das Bild zieht.

Als Zeichen des militärischen Triumphs rauben die muslimischen Truppen die Glocken der Kathedrale. Kriegsgefangene Christen schleppen die schwere Beute in die Hauptstadt des Kalifenreiches - ins eintausend Kilometer entfernte Cordoba.

Die eskortierten Kriegsgefangenen in Zweierreihe. Sie tragen hölzerne Ochsengeschirre auf den Schultern, über deren Mitte ein langer Stamm in Längsrichtung läuft. In der Mitte des Stammes schwingt eine der erbeuteten Glocken. Unter den glockenschleppenden Kriegsgefangenen ist der bekannte Pilger zu erkennen.

 

Aus der Parallelfahrt: kranen in die Vogelperspektive. Der Zug entfernt sich über die alte Römerstraße Richtung Süden. Der Blick erfasst die weite Hügellandschaft Galiciens.

 

Im Innern der großen Moschee von Cordoba: ein Koranschüler entzündet die im Gewölbe aufgehängten Öllampen mit einem Stab. Nah, von oben über den Lampenrand, auf den Jungen hinunter gesehen: er führt den Stab auf die Kamera zu, der brennende Docht am Ende des Stabes erreicht das Öl und entzündet es. Durch eine kurze Rückfahrt erfasst der Blick die gesamte Öllampe: es ist eine der Glocken, die nun in der Moschee als Lampen dienen.

Cordoba steht im Zenit seiner Entwicklung. Um die Jahrtausendwende ist die Kalifenstadt mit knapp einer Million Einwohner die bedeutendste Metropole des Abendlandes. Ihr Glanz strahlt über den ganzen Kontinent.

Später Abend. Blick über die Römische Brücke auf das Stadtzentrum von Cordoba. Die Umrisse der (später gebauten) Kathedrale werden aus der Stadtsilhouette digital herausgestanzt und ersetzt.

Mit seinen Krankenhäusern, Bibliotheken und Universitäten ist Cordoba der wissenschaftliche Anziehungspunkt in Europa.

Der Zauber der maurischen Architektur - Alhambra, Alcazar, Medinat al Z'hra.

Insgesamt acht Jahrhunderte herrschen Araber auf der iberischen Halbinsel. Trotzdem gibt es immer noch funktionierende jüdische und christliche Gemeinden. Der Islam fordert zwar die politische Unterwerfung der Ungläubigen, nicht aber deren Bekehrung. Eine Sondersteuer wird Christen und Juden abverlangt.

Die große Synagoge von Cordoba, Zeichen der Religionsfreiheit.

Jüdische Kaufleute halten in der Zeit der militärischen Konfrontation zwischen Christen und Moslems den Orienthandel aufrecht. Sie beherrschen auch die Sprachen der beiden Kulturkreise. Als Übersetzer kommt ihnen eine zentrale Vermittlungsrolle zu.

Details aus der Synagoge

Berühmte Übersetzerwerkstätten in Cordoba und Toledo beschäftigen Mitarbeitern aller Kulturkreise. Antike Texte aus den Bibliotheken des arabischen Kulturraums werden hier bearbeitet, so wie diese Ausgabe der Metaphysik des Aristoteles.

Eine arabische Abschrift der "Metaphysik" des Aristoteles. Das Blatt wird gewendet. Der Schreiber beginnt rechts oben auf dem nächsten Pergament.

 

 

8. Die Scholastik

Die Bedeutung des arabischen Spanien bei der Wiedergeburt der Gedankenwelt der Antike kann nicht hoch genug eingeschätzt werden. In Medizin, Mathematik und Astronomie kommt es zu bahnbrechenden Neuerungen. Verlorengeglaubtes antikes Wissen wird wiederentdeckt. Logisches, wissenschaftliches Denken macht sich breit in einer Welt, die von absolutem Glauben geprägt ist.

Im Off schwingen - als akustische Collage - griechische, arabische, hebräische und lateinische Sprachfragmente über den Bildern der konzentriert arbeitenden Schreiber. Symbolik: der symmetrische Bildaufbau, die Gesten und Handreichungen der Schreiber verdeutlichen das Ideal einer fruchtbaren Zusammenarbeit der Kulturen.

Die dialektische Methode von These und Antithese bildet sich heraus, das Überlieferte wird in seiner Gegensätzlichkeit analysiert und in der Synthese zu einer neuen Ordnung zusammengeführt. Aus den Gegensätzen "ich glaube" und "ich erkenne" entwickelt sich ein "ich glaube, damit ich erkenne". Das neue Gedankengebäude wird an den Schulen und Universitäten errichtet, daher auch sein Name: die Scholastik.

Details eines 'dialektisch' angeordneten Hörsaales mit zweigeteiltem Disputationspult. Graphische Konfliktmontage.

Die neue Lehre gebiert eigene Formen der Wissensaneignung. Nicht der lineare Vortrag bestimmt den Unterricht, sondern die kontroverse Auseinandersetzung, der Disput.

Die neue Lehre birgt ungeheure Sprengkraft für das festgefügte Gebäude der christlichen Theologie. Es bedarf großer Geister, um die scheinbar gegensätzlichen Welten der Vernunft und der Offenbarung in eine konstruktive Beziehung zu setzen. Und es bedarf standhafter Persönlichkeiten, die die Neuerungen gegenüber dem herrschenden Konservatismus durchzusetzen vermögen.

Die Promotionsdisputation mit advocatus dei und advocatus diaboli, dokumentarisch.

Thomas ist der bedeutendste Scholastiker. Seine überragende Person verhilft der scholastischen Theologie zum Durchbruch. Eine Quelle der neuen Lehre ist Cordoba. Auch wenn Thomas den arabischen Vordenkern der Scholastik ausdrücklich widerspricht (Averroes kniet im Bild zu Füßen des Thomas), so dokumentiert sich doch in der Auseinandersetzung mit den Arabern deren Bedeutung für die abendländische Geistesgeschichte.

Das Wandgemälde "Triumph des Thomas von Aquin" in der Spanischen Kapelle in Florenz. Rückfahrt vom Zentrum des Bildes aus.

Die Thesen der rationalistischen Freidenker bleiben nicht unwidersprochen. Drei Jahre nach seinem Tod wird ein Teil der Schriften des Thomas verdammt. Die konservative Theologie der reinen Treue gegenüber dem Wort des Evangeliums und dem bloßen Gehorsam gegenüber der kirchlichen Autorität gewinnt an Boden zurück. Es ist dieser Geist, der bei der Rückeroberung Spaniens durch die katholischen Könige für eine kulturelle Katastrophe sorgen wird.

Der Hörsaal ist leer.

Das Kreuz vertreibt den Halbmond von europäischem Boden. Von Al Andalus, dem friedlichen, fruchtbaren Nebeneinander der Kulturen, bleibt nur ein zerschlagener Traum. Die Mauren verschwinden aus der Geschichte. Der christliche Westen steht für immer in ihrer Schuld.

Die Übersetzerwerkstatt mit hunderten von Büchern geht in Flammen auf.

Andalusien, Frühjahr 1236. Die katholische Reconquista hat Cordoba erreicht. Die Tage der arabischen Herrschaft sind gezählt. Ferdinand III. von Kastilien und León läßt die geraubten Glocken durch muslimische Kriegsgefangene nach Santiago de Compostela zurückbringen.

Die Flammen der Übersetzerwerkstatt gehen in die brennende Ölflamme über. Schnell entfernt sie sich von der Kamera weg auf den Boden der Moschee zu - die umfunktionierten Glocken werden abgenommen. Weiter von oben: im Halbdunkel der Moschee überwachen christliche Soldaten die arabischen Arbeiter. Die Glocke wird gedreht und an ein Tragegerüst gehängt.

 

Mit der Aktion: Kranfahrt bis auf Bodenebene zu einer Position kurz hinter der Glocke. Die arabischen Kriegsgefangenen heben die Glocke gemeinsam an und tragen sie durch ein Tor hinaus ins grelle Sonnenlicht.

 

 

9. Die Kreuzzüge

Jerusalem. Der Evangelist Matthäus berichtet über den Einzug von Jesus Christus: Und es geschah, damit das Wort des Propheten erfüllt werde, der da spricht: Jerusalem, siehe dein König kommt zu dir sanftmütig geritten, auf einer Eselin.

Eine mittelalterliche Weltkarte, Zufahrt. In der Mitte liegt Jerusalem, der Nabel der Welt. Überblendung in das heutige Jerusalem vom Ölberg aus. Dramatische Morgendämmerung. Parallelfahrt. Der Kopf einer trottenden Eselin.

Eintausend Jahre später. Über drei Jahre hatte die aus französischen und normannischen Kontingenten zusammengewürfelte Kreuzzugsarmee gebraucht, um die verheißene Stadt, wo Milch und Honig fließen, zu erreichen. Aus dem vielbejubelten Unternehmen war eine Höllenfahrt geworden. Was ursprünglich als Befreiung der heiligen Stätte der Christenheit aus der Hand der Muslime begonnen war, hatte sich zu einem kaltblütigen Eroberungskrieg gewandelt. Sechs Wochen lang hatten die christlichen Heere die Stadt belagert. In der Nacht zum 14. Juli 1099 war Jerusalem gefallen.

Rückfahrt. Das Tier ist mit Waffen und den gepanzerten Teilen einer Ritterrüstung beladen.

Uns stehen die Aufzeichnungen eines Zeitzeugen zur Verfügung: "Bald nachdem wir hinaufgestiegen waren, flohen alle Verteidiger von den Mauern durch die Stadt, und die Unsrigen folgten ihnen und trieben sie vor sich her, sie tötend und niedersäbelnd bis zum Tempel Salomons, wo es ein solches Blutbad gab, daß die Unsrigen bis zu den Knöcheln in Blut wateten. Dann durcheilten die Kreuzfahrer die ganze Stadt und plünderten die Häuser, die mit Reichtümern überfüllt waren."

Verfolgungsdetails, Türbrechen, zischende Schwerter, Läufe durch enge arabische Gassen. Blut tropft über eine Steinkante, Fahrt entlang der Kante, aus den vereinzelten Tropfen wird ein fließender Schwall.

"Am folgenden Tag erkletterten die Unsrigen das Dach des Tempels, griffen die Sarazenen, Männer und Frauen, an, zogen das Schwert und schlugen ihnen die Köpfe ab. Die ganze Stadt war völlig mit Leichnamen angefüllt. Die lebenden Sarazenen schleppten die Toten aus der Stadt und machten daraus häuserhohe Haufen, die sie verbrennen mußten. Niemand hat jemals von einem solchen Blutbad unter den Heiden gehört oder es gesehen."

Das schweiß- und blutverschmierte Gesicht eines Ritters, das von der Kamera in Zeitlupe umkreist wird. Der Hintergrund ist in Rauch getaucht, in dem nur schemenhaft einige vorbeieilende Gestalten zu erkennen sind. Der Mann atmet schwer.

Mit der Eroberung Jerusalems wurde das folgenreichste Kapitel der mitteralterlichen Geschichte aufgeschlagen: die Kreuzzüge. Mit ihnen war eine neue Gattung der Kriegsführung ins Leben gerufen worden, die seine Vorgänger an Brutalität weit in den Schatten stellen sollte: der Glaubenskrieg.

Wie aber war es dazu gekommen, wer hatte den Kreuzzugsgedanken in die Welt gesetzt?

Leichenhaufen (Puppen) werden verbrannt.

27. November des Jahres 1095, achtzehn Jahre nach Canossa. Am Rande der Synode in der französischen Stadt Clermont ruft Papst Urban II. zur Befreiung des Heiligen Landes von den Moslems auf.

"Bewaffnet euch mit dem Eifer Gottes, liebe Brüder, gürtet eure Schwerter an eure Seiten, rüstet euch und seid Söhne des Gewaltigen. Besser ist es im Kampf zu sterben, als unser Volk und die Heiligen leiden zu sehen ... Und wenn einer dort in wahrer Buße fällt, so darf er fest glauben, daß ihm Vergebung seiner Sünden und die Frucht ewigen Lebens zuteil werden wird!"

Aber der Papst verspricht auch irdischen Lohn.

Mit dem Feuer aufsteigende Kamerabewegung über den Haufen hinaus. Durch den Rauch Blick auf den auf einem Holzpodest stehenden Redner. Ein Mann im Papstgewand vor grauem, verregneten Winterhimmel. Er hält eine Rede, engagierte Gestik.

"Das Land, das ihr bewohnt, vom Meer und Gebirge eingeschlossen, ist durch eure große Zahl zu eng geworden. Es enthält keinen Überfluß an Reichtum und die Nahrung reicht kaum für ihre Erzeuger aus. .. Macht euch auf den Weg zum Heiligen Grab, entreißt dieses Land dem frevelnden Volk, unterwerft es euch. Dieses Land, wo Milch und Honig fließen, ist euch von Gott zum Eigentum gegeben."

Großaufnahmen der Zuhörer

Der wirtschaftliche Aufschwung der Epoche ist am Gros der Bevölkerung vorbeigegangen. Vieles spricht dafür, daß der Papst auch ein Ventil für die wachsende Unzufriedenheit finden will. Gleichzeitig setzt er sich an die Spitze einer Massenbewegung und kann damit seine Position gegenüber dem deutschen Kaiser, Heinrich IV. und dem von diesem eingesetzten Gegenpapst verbessern. Urban stellt sich als Vollstrecker göttlichen Willens dar und so beschließt er auch seinen Aufruf zum Kreuzzug: Deus lo volt - Gott will es.

Weiße Tücher werden in Bahnen zerrissen und als Stoffkreuze an den Gewändern befestigt

 

Als massenfaches Echo: Deus lo volt. Die Totale der Szene verschwindet hinter einer Wand aus Rauch.

Der Ruf des Muezzins erschallt über der Stadt: Allahu akba - Allah ist groß. Unter allen heiligen Orten der Welt ist Jerusalem der heiligste. Seit Jahrhunderten verbindet sich für die Christen mit der Wallfahrt zu diesem Ort die Vorstellung der Befreiung von den Sünden. Aber die Stadt des Heils ist in den Händen der Heiden.

Bilder des heutigen Jerusalem. Der Tempelberg, Felsendom und Al Aksa Moschee im frühen Morgenlicht. Ein Minarett.

Die Eroberung Jerusalems im achten Jahrhundert durch die Araber hatte keineswegs zu einem Abbruch der Wallfahrten geführt. Nicht anders als heute schuf die Stadt schon damals eine hochsensible Koexistenz der drei Religionen, die alle an den einen Gott glauben. Doch für die christliche Welt des Mittelelalters war die muslimische Herrschaft über die Heiligen Stätten offenbar ein bohrender Stachel.

Juden, Christen und Moslems im heutigen Jerusalem. Geschäftiges Leben in den Straßen. Moderne Pilger in der Via dolorosa.

Militärisch, das weiß auch Papst Urban, ist das Unternehmen ein Himmelfahrtskommando. Und so zögert er, sein politisches Schicksal an den Ausgang des Kreuzzugs zu knüpfen. Seine Chronisten warten erst die erfolgreiche Einnahme Jerusalems durch die Kreuzritter ab, bevor sie die Rolle Urbans dabei hervorheben.

Bewaffnete Soldaten, Straßensperren, Stacheldraht.

Aber der Papst ist nicht der einzige, der die Bevölkerung für einen Kreuzzug nach Palästina mobilisieren will. Peter von Amiens, ein Wanderprediger, hat von seiner Pilgerreise nach Jerusalem Schauerliches zu berichten: "Sie beschneiden die Christen und das Blut der Beschneidung gießen sie auf den Altar oder in die Taufbecken. Es gefällt ihnen, andere zu töten, indem sie ihnen die Bäuche aufschneiden und die Därme herausziehen."

Mit der Realität im damaligen Jerusalem haben diese demagogischen Auswürfe nichts zu tun. Aber die antiarabische Propaganda bereitet auf eine Auseinandersetzung vor, die auf der Grundlage einer Entmenschlichung und Entrechtung des Gegners ein in der Geschichte neuartiges Phänomen umreißt: das Profil des Vernichtungskrieges.

Miniatur-Darstellungen von Peter, Christen mordenden und vor den Altar kackenden Arabern, etc.

Peter von Amiens hat innerhalb von vier Monaten über zwanzigtausend Menschen in Nordfrankreich, Flamen und Deutschland mobilisiert. Den meisten Teilnehmern dieses 'Kreuzzugs der Armen' gehen nach wenigen Tagen die Vorräte aus. Soll das Unternehmen nicht gleich zu Beginn scheitern, muß schnell eine Lösung gefunden werden.

Miniatur. Übergang in eine Landkarte.

 

 

10. Kreuzzug gegen Juden

Die Juden in den Städten am Oberrhein sollen für die Versorgung der Kreuzzugsteilnehmer aufkommen. Trotz der Bereitschaft zu zahlen, kommt es in Trier, Köln, und Mainz zu blutigen Pogromen, die nur wenige der ortsansässigen Juden überleben.

Jahrhunderte lang hatten die Juden im sog. Heiligen Römischen Reich weitgehend unbehelligt gelebt. Sie waren nicht nur die einzige tolerierte Minderheit in der christlichen Welt, sie genossen sogar eine Reihe von Privilegien, die paradoxerweise gerade aus ihrer Außenseitersituation entstanden waren.

Bilder aus mittelalterlichen Stadtkernen, "Judengassen", sakrale Gegenstände

Sie unterstanden dem persönlichen Schutz des Kaisers. Aber Heinrich IV., der aus seiner Skepsis gegenüber dem Kreuzzugsgedanken keinen Hehl macht, befindet sich in Italien.

Der Kaiser unterstellt einen Juden seinem besonderen Schutz, eine Darstellung aus dem Sachsenspiegel.

Der auf dem Papier garantierte Schutz für die Juden erweist sich als wertlos. Im Ernstfall sind sie vogelfrei. In den Städten am Rhein werden tausende ermordet. Zwar versuchen die Bischöfe in Trier, Köln und Mainz die Juden zu schützen, aber angesichts der fanatisierten Massen überlassen sie die ihnen anvertrauten Juden ihrem Schicksal.

Kaiser und Papst verurteilen die Verfolgungen und erneuern die Schutzbriefe für die Juden, aber die Saat des Hasses, die im Jahre 1096 gesät wurde, war nie mehr ganz auszurotten.

Jüdische Grabsteine

 

 

11. Kreuzzug gegen innerkirchliche 'Feinde' - Inquisition und Katharer

Den Kreuzzügen gegen "äußere" Feinde folgten kriegerische Auseinandersetzungen mit innerkirchlichen Gruppen, die den Absolutheitsanspruch Roms auf den "rechten Glauben" infrage stellten.

Etwa die Anhänger des katharischen Glaubens, die sich in Okzitanien, im Süden des Frankenreiches konzentrierten. Ihre Hochburgen Toulouse, Bézier, Carcassonne.

Carcassonne, Rundflug um die Burg

Die Katharer gliedern sich in Parfaits, die Reinen, die mit ihrer asketischen Lebenshaltung die spirituelle Kontinuität verkörpern und dem gläubigen Volk, das völlig ohne das christliche Sündenbewußtsein auskommt. Der Lebensstil im Süden Frankreichs ist demgemäß leichter und sinnlicher.

Kleidung, Waffen, Münzen der Katharer

Das Kreuzzugsprinzip wird auch beim Kampf gegen die Katharer angewendet. Ihre adligen Beschützer werden exkommuniziert, damit haben die Kreuzzugsbeteiligten - sofern sie mindestens vierzig Tage an einer Kampagne teilnehmen, nicht nur einen völligen Sündenerlaß erreicht, sondern auch noch Aussicht auf irdische Beute.

Stadtansicht Aude

Der Kreuzzugsgedanke erweist sich, neben der Exkommunikation und dem Interdiktum als mächtigstes Instrument der Kirchenherrschaft. Die Verknüpfung von Ablaß und Beute, von kanalisierter Aggression und höheren Motiven, verhilft der Kirchenhierarchie zu einer unkontrollierbaren Machtfülle.

Der katholische von Aude Dom erhebt sich gebieterisch über der ehemaligen Katharerstadt

Die Katharer werden militärisch geschlagen und anschließend durch die Inquisition verfolgt, ihre Schriften nahezu vollständig vernichtet. Über ein halbes Jahrhundert erarbeiten Franziskaner- und Dominikanermönche akribisch Karteikartensysteme mit den Namen der Anhänger, bis auch der letzte Parfait auf dem Scheiterhaufen der Inquisition brennt. Gleichzeitig wird die mächtige Grafschaft Toulouse entmachtet, und die Adelsfamilien des Nordens können sich auch den Süden Frankreichs einverleiben.

Der Kreuzzugsgedanke wird bei der Niederschlagung aufständischer Bauern und bei der Unterwerfung der slawischen Stämme seine grausame Rolle behaupten.

Burgruine der Katharer

 

 

12. Das Ende der Kreuzfahrerstaaten

Die Kreuzfahrer haben sich in Palästina eingerichtet. Drei Fürstentümer und das Königreich Jerusalem sind entstanden. Palästina ist zum europäischen Abbild verkommen. Die adligen Herren liefern sich Feudalkriege, Kirche und weltliche Macht ringen um die Oberhand, wenn es um Investitur und Pfründe geht. In die Auseinandersetzungen werden, je nach Bedarf, die muslimischen Nachbarn als Verbündete gerne mit einbezogen.

Karte

Die Lebenshaltung ist dekadent und parasitär, die heiligen Orte werden ebenso wie wahre und falsche Reliquien skrupellos vermarktet. Ritterorden werden gegründet die sich Bau und Unterhalt ihrer Burgen nur durch Überfälle sichern können. Die arabische Bevölkerung bleibt den Eindringlingen gegenüber feindlich gesinnt. Sicheren Aufenthalt bieten nur die massiv befestigten Kreuzritterburgen, bis mit Sultan Saladin und später den Mamluken islamische Dynastien die Abendländer mit militärischen Mitteln zurückdrängen.

Krak de Chevalier

1244, 150 Jahre nach der christlichen Eroberung, fällt Jerusalem endgültig an die Muslime zurück. Am 18. Mai 1291 verlieren die Kreuzfahrer mit der Hafenstadt Akkon ihre letzte Bastion im Nahen Osten. Ein sinnloser Kampf geht zu Ende, dessen ursprünglich hehre Ziele die Folgen eher verschlimmerten. Rom und Byzanz sind endgültig getrennt, mit ihrem Auftreten in Palästina haben sich die Christen dauerhafte Feinde im arabischen Raum geschaffen, die bald vor den Toren Wiens stehen werden. Als Gewinner sind lediglich die oberitalienischen Hafenstädte Venedig, Pisa, und Genua zu verstehen, die an den Expeditionen, dem Reliquien- und Orienthandel unermeßlichen Reichtum erwerben. Die Reichtümer vergehen, aber die damals fixierten Feindbilder bleiben bis heute bestehen.

In den unterirdischen Gängen der Festung Akkon. Ein Lazarett. Tiere (die Eselin), Ritter, Priester, Tote und Verwundete. Apokalyptische Bilder. Oder der einzelne Kreuzritter.

 

Grünes Leuchten über Bagdad. (CNN-Archivmaterial von dem Beginn der amerikanischen Intervention

 

 

13. Die Kathedrale II

Bis heute überragen die Kathedralen des Mittelalters unsere Städte. Eindrucksvolle Symbole für die gestalterische Kraft des Glaubens und zugleich für den alles überragenden Einfluß der Kirche in dieser Epoche. Auf dem Höhepunkt ihrer Macht beanspruchen die Päpste, daß ihnen die christliche Welt gehört und alle Kaiser und Könige von ihnen eingesetzt werden müssen. Wie eine Metapher dieser Maßlosigkeit erscheint die Kathedrale von Beauvais. Die Kirche hat buchstäblich den Bogen überspannt.

Der Domneubau in Beauvais ist nach vielen Rückschlägen und Bauunterbrechungen endlich vollendet. Der Vierungsturm ragt 150m über den Boden und ist damit der höchste Turm der Christenheit. Experten warnen aber vor der unsicheren Statik.

Stiche von europäischen Stadtprofilen mit bekannten Kathedralenbauwerken. Zum Schluß Beauvais.

 

Das im Boden eingelassene Labyrinth des Prologs. Der Architekt ist inzwischen ein alter Mann. Angestrengt schaut er hoch zur Decke. Die Verstrebung erzeugt erschreckende Töne. Es knarrzt weit verhallt wie im Rumpf eines schlingernden Schiffes. Subjektive des unruhigen, nach oben gerichteten, sich drehenden Blicks. Ein Wolke von Steinbröseln schwebt herunter. Der Archiktekt hat genug gesehen. Schnell wendet er sich zum Ausgang und humpelt hinaus.

Bei der statischen Berechnung am Computermodell treten eine Reihe von bautechnischen Mängeln zutage. Das mittlere Strebewerk ist zu schlank dimensioniert und setzt fünf Meter zu tief an. Die tragenden Säulen werden nach innen gedrückt, während das Rippengewölbe der Decke nach außen drückt. Rotationsenergien setzen die Statik in Bewegung. Entscheidend aber ist die gigantische Dimensionierung des Bauwerks.

Eine statische Untersuchung von Beauvais anhand photoelastischer Modelle.

Mühsam wird das Domkapitel zur Finanzierung der dringend notwendigen Stützmauern überredet. Die Rettungsaktion kommt zu spät. Das Maß ist überzogen. Die Statik folgt eigenen Gesetzen. Das Bauvorhaben entpuppt sich als babylonischer Hochmut. Zwei Wochen nach dem Beschluß der statischen Rettungsaktion stürzt der Turm ein und zerschlägt Fenster, Chorgestühl und Lettner.

Details von arbeitenden Steinverbindungen, Kapitellen mit verrutschten Gewölbeaufsätzen, etc.

Die Kathedrale bleibt unvollendet. Als Mahnmal erinnert der stehengebliebene Torso des Chores an die Hybris seiner Erbauer.

Trümmer fallen an der Kamera vorbei von oben auf das Labyrinth des Anfangsbildes und decken es zu. Alles versinkt im Staub

Am Ende des 12. Jahrhunderts spüren die Menschen, daß die Kirche morsch ist. Wie noch nie ist sie institutionell mächtig, aber sie beginnt die Herzen der Menschen zu verlieren.

Eine Gestalt schält sich aus den Staubwolken, bleibt als dunkle Silhouette im Bild stehen. Der Mann hebt den rechten Arm, als würde er etwas tragen.

Franz von Assisi, der Mann im Bettlergewand, wird sie zurückgewinnen. In seiner Lehre von der radikalen Nachfolge Christi in Demut und Armut liegt eine große Chance, aber auch eine enorme Sprengkraft, die das christliche Europa in der kommenden Epoche in Atem hält.

Überblendung in das Gemälde von Giotto, auf dem der heilige Franziskus das Dach einer Kirche stützt, die zusammenzubrechen droht.

 

Abspann

 

 

 

Autor:

Friedrich Klütsch