2000 Jahre Christentum
Folge 5
12. Dezember 1999
Heilige und Dämonen
Das Christentum am Ende der Gewissheit
Buch: Georg Graffe
Regie: Klaus Kafitzi
Redaktion: Uwe Mönninghoff
|
0. Serienvorspann |
|
|
Angst und Schrecken gehen um in Europa: eine Katastrophe niegekannten Ausmaßes. 1/3 der europäischen Bevölkerung werden zu Opfern einer Epedemie, die durch Rattenflöhe auf den Menschen übertragen wird; einer Krankheit, die nur wenige Stunden nach Ausbruch der ersten Symptome unweigerlich zum Tod führt: die Pest. |
1. Inzenierung 0:30 (0:30) Inszeniertes Bild der Verwüstung. Steadicam - Gang durch einen heruntergekommenen Bauernhof oder eine städtische Gasse. In einer Ecke kokelt ein Haufen Kleider vor sich hin. Ein streunender Hund. Eine Tür schlägt im Wind. Sonst Stille. Die Kamera betritt ein Haus und "schaut sich um". Auf einem Bett entdeckt sie die Leiche eines Mannes. Er liegt auf dem Bauch. Die Kamera verdichtet auf die dunklen Pestmale am Oberarm. |
|
Der "Schwarze Tod" entvölkert nicht nur ganze Landstriche, er verändert die Menschen, ihr Leben und Denken. Daß in Wahrheit unscheinbare Bakterien die todbringenden Erreger sind, muß den Menschen des Spätmittelalters verborgen bleiben. Für sie sind finstere Mächte und der Zorn Gottes die Ursache. Der "Schwarze Tod", die Pest, beeinflußt auf dramatische Weise den Ablauf der Geschichte Europas |
2. Collage Insert / Inszenierung 0:30 (1:00) Mittelalterlicher Holzschnitt: Darstellung eines Totentanzes. Auf einer zweiten Bildebene vor schwarz agiert ein "Sensenmann" pantomimisch. Durchblenede in: bildfüllende, mikroskopische Aufnahme: zappelnde Bakterien; Durchblende zurück auf "Sensenmann" Folgentitel: "Heilige und Dämonen" |
|
1347: Bei der Belagerung einer Stadt auf der Krim, schleudern die angreifenden Tartaren Pesttote über die Mauern. Einige der Belagerten fliehen auf Schiffen nach Messina und Genua und tragen so den tödlichen Erreger nach Europa. Von den Küstenstädten aus verbreitet sich die Seuche landeinwärts. Unaufhaltsam verwüstet sie den Süden Europas, gelangt nach Deutschland und Frankreich und springt noch einmal über das Meer, nach England und Skandinavien. |
3. Insert / Trickkamerafahrt 0:30 (1:30) Karte: Ausbreitung der Pest. Die Karte zeigt nur die Umrisse der Länder und Meere, und nur wenige im Text angesprochene Orte. Von der Krim nach Messina und Genua. Von dort nach Norditalien, Südfrankreich, Österreich, Deutschland, England und Nordeuropa. Die Trickkamera streicht über die einzelnen Länder entsprechend des Textes. An passenden Stellen blendet die Karte in assoziative Szenen durch: z.B. Mittelalterliche Kampfszene, Bug eines Schiffes, der das Wasser durchschneidet, inszenierte "Pestszenen". |
|
Der "Schwarze Tod" hat verschiedene Gesichter: die Beulenpest, eine Schwellung der Lymphknoten, die Hautpest und die Lungenpest. Alle Erscheinungsformen führten fast ausnahmslos zu einem qualvollen Tod. Pestmasken, mit Heilkräuter gefüllt, sollen die Ärzte vor Ansteckung schützen. Aussichtslos : ihr Kampf gegen die Seuche. |
4. Inszenierung 0:40 (2:10) Kamera bewegt sich durch eine Tür und schaut auf das Bett eines Pestkranken. Neben dem Bett steht ein Pestarzt und mißt den Puls des Kranken. Der Mann ist verstorben und der Arzt schließt ihm die Augen. Vor dem Gesicht trägt der Arzt eine tütenartige Pestmaske, die ihm das Aussehen eines grotesken Vogels gibt. Vermummte Männer tragen den Toten aus dem Haus und legen ihn auf einen Karren. Hinter den Männern tritt der Arzt aus der Tür. Er nimmt die Maske ab. Wir sehen sein Gesicht. |
|
Augenzeugen berichten über den Schrecken und die Hilflosigkeit der Menschen angesichts der Pestepedemie: "Wenn jemand erkrankte, brach er bald darauf zusammen und starb. Dabei steckte er seine ganze Familie an. Entsprechend kamen auch die Totengräber um, welche die Leichen bestatten solllten. Und der Tod kam auf diese Weise sogar durch die Fenster. Städte und Burgen wurden entvölkert und man weinte um ganze Ortschaften wie um einen Verwandten" |
5. Insert / Collage 0:30 (2:40) Montage: Zeitgenössische Darstellungen, Gemälde, Holzschnitte: Pestkranke, Pesttote, "Der Schwarze Tod", "Das große Sterben" |
|
Die Menschen waren der Seuche ohnmächtig ausgeliefert. "Es ist leichter die Lebenden als die Toten zu zählen", schriebt ein Chronist Vier Jahre wütete der "Schwarze Tod" in Europa. Der schwersten Pestpandemie, die das Abendland je heimsuchte, fielen 25 Mio. Menschen zum Opfer. |
6. Inszenierung 0:20 (3:00) Fortsetzung der vorletzten Szene: Leichenzug zu einem Massengrab bei Nacht. Ein hölzerner Karren wird bei Nacht durch eine Gasse geschoben. Neben dem Karren gehen Männer mit Fackeln. Der düstere Zug verschwindet durch ein Stadttor. |
|
Die Maßnahmen gegen die Pest reichten von der Isolierung der Kranken bis zur Verabreichung von Medikamenten, wie dem verbreiteten Theriak, einer Mischung aus 60 verschiedenen Kräutern, Gewürzen und Mineralien, versetzt mit Schlangenfleisch und Opium. Doch schon damals regte sich Skepsis gegenüber den medizinischen Ratschlägen, die sich letzlich alle als wirkungslos erwiesen |
7. Insert / Collage 0:30 (3:30) Drastellungen (Gemälde, Holzschnitte): Pestärzte mit Kranken, Abbildungen von Kräutern und Rezepturen, Symbolische Darstellungen der Pest. |
|
Die Hilflosigkeit der Gelehrten belegt ein Gutachten von Professoren der Pariser Universität, darin heißt es: Die Pest werde von üblen Winden verursacht, die im Meer vor Indien aufstiegen und den krankmachenden Hauch von toten Fischen mit sich trügen. Keine der klugen Theorien vermochte das Sterben aufzuhalten. Manche suchten ihr Heil in der Flucht |
8. Inszenierung 0:30 (4:00) Studierzimmer und Labor. Der Gehilfe des Arztes sitzt vor einem Mörser, in dem er eine Substanz pulverisiert. Auf dem Tisch und in Regalen stehen eine Vielzahl von Tigeln und Fläschchen. Die Kamera bewegt sich von dem Gehilfen weg und zeigt den Arzt, der im Hintergrund steht und ihn beobachtet. Zufahrt auf sein nachdenkliches Gesicht. Schnitt. Er tritt ans Fenster und schaut hinaus. In der Gasse unten packen Leute Bündel auf einen Leiterwagen und ziehen ihn weg. |
|
Wer die Möglichkeit besaß, verschanzte sich gegen die Pest. Kaiser Karl IV. ließ sich außerhalb von Prag eine Burg errichten, die Wände mit Edelsteinen auskleiden, denen. krankheitsbannende Wirkung zugesprochen wurde. Abgeschottet von aller Welt und Umgeben von Reliquien verbrachte er hier viele Tage im Gebet. Sexuelle Enthaltsamkeit galt ebenfalls als eine Schutzmaßnahme vor der Pest und so durfte keine Frau, nicht einmal die Kaiserin, die Burg betreten. Aber kann man vor dem Zorn Gottes fliehen? |
9. Tag / außen / innnen (PRAG) 0:30 (4:30) Burg Karlstein bei Prag. Außen und innen. Privatkapelle Karl IV. |
|
Der "Schwarze Tod" fegt über ein spätmittelalterliches Europa hinweg, das im Begriff steht, sich gegenüber dem Hochmittelalter geistig zu verändern. Für die Gelehrten des Hochmittelalters ist Wissen und Glaube ein und dasselbe, die von Gott geschaffene Welt ein festgefügter Kosmos; Himmel und Erde eingeteilt in eine fein und streng gegliederte Stufenordnung. Der einzelne Mensch ist nichts, was zählt ist der Stand, dem er angehört, und über allem steht Gott, dessen Werk diese wohldurchdachte, logische Ordnung ist. In der Überzeugung der Menschen des Hochmittelalters war diese Weltsicht keine abstrakte Idee, nicht Erklärungsmodell, sondern unumstößliche Tatsache, schlicht: die Wirklichkeit.. |
10. Montage Inserts 0:50 (5:20) Durchblende von 1) einer Animation des Weltalls mit den Planeten, die damals bekannt waren, in 2) eine mittelalterliche, astronomischen Karte, in 3) eine Darstellung des Himmels mit Gott und den Engeln in einer hierarchischen Anordnung, in 4) ein sog. Ständebild. |
|
Im vierzehnten Jahrhundert gerät diese Weltsicht ins wanken. Gelehrte und Theologen entwerfen und diskutieren neue Theorien: Prominentester Vertreter: William Occam, einer der großen Theologen der Zeit. |
11. Collage Realbild / Insert 0:20 (5:40) Durchblende in einen dramatischen Himmel, über den Wolken im Zeitraffer ziehen. Vor dem Hintergrund erscheint freigestellt das Porträt von William Occam. |
|
Occams Überlegungen münden in ein verändertes Gottesbild: Gott und sein Wirken entzieht sich menschlicher Vernunft und Logik. Gott ist nicht erklärbar, sondern eine reine Sache des Glaubens. Gott ist jenseits von Gut und Böse eine absolute Macht, die an keine Regeln gebunden ist. Die Weltordnung nur ein gedankliches Hilfskonstrukt, nicht aber die Wirklichkeit. |
12. Inszenierung / Insert / Collage 0:20 (6:00) Occam in seinem Studierzimmer er schreibt. Die Kamera verdichtet auf seine Augen. Durchblende in Darstellung des zeitgenössischen Weltbildes ("Ständepyramide"). |
|
Das veränderte Gottesbild war Ausdruck der allgemeinen Angst, die das Zeitalter erfasst hatte. "Als Gott von seinem Palast aus die Verderbtheit der Welt sah, da ließ er den Tod aus seinem Käfig, um Gerechtigkeit und Rache zu üben. Der Tod durchlief die ganze Welt, voller Raserei und Wut, ohne Zügel, ohne Zaum ohne Fessel, ohne Glaube, ohne Liebe, ohne Maß...", schrieb ein zeitgenössischer Autor. |
13. Monatge: Insert / Inszenierung 0:25 (6:25) Durchblende in eine Darstellung, die den "Triumph des Todes" zum Inhalt hat. Der Tod - symbolisiert als Gerippe mit Sense - führt einen Zug von Menschen an. Darunter Bauern, Edelleute und Geistliche. Durchblende in eine Inszenierung: vor Schwarz erscheint der Tod als Pantomime. Hinter ihm das Panoptikum der mittelalterlichen Gesellschaft. |
|
Der Zorn Gottes also war Ursache der Katastrophe, die über die Welt hereingebrochen war und es ging noch weiter: Eine tiefe Verzweiflung liegt in der Symbolik dieses Bildes: Jesus selbst, der Erlöser der Menschen, streckt mit tödlichen Pfeilen die Sünder nieder. "Tut Buße und Umkehr", war die Mahnung solcher Darstellungen. |
14. Montage: Inszenierung / Insert 0:20 (6:45) Ganz groß: Ein Bogen wird gespannt. Ein Pfeil schießt ab. Durchblende in ein Gemälde, auf dem Christus als Bogenschütze dargestellt ist. Er schießt Pestpfeile auf Menschen ab, die daran zugrunde gehen. |
|
Die Menschen suchten Zuflucht im Glauben. Überall wo die Pest ausbrach, fanden Prozessionen statt, bei denen Reliquien von Heiligen getragen wurden. Eine Tradition, die sich in manchen katholischen Orten bis heute erhalten hat. |
15. Tag / außen dokumentarisch 0:20 (7:05) Eine Reliqienprozession im süddeutschen Raum. |
|
Doch gegen die schreckliche Seuche schien die Kirche oft keinen wirksamen Schutz zu bieten. Mancherorts ließen die Priester ihre Gemeinden im Stich und die Sterbenden entbehrten die letzten Sakramente - das Schrecklichste, das dem Christen des Mittelalters im Angsicht des Todes widerfahren konnte. Die Menschen suchten nach radikaleren Ausdrucksformen ihrer Frömmigkeit. |
16. Montage: Real / Inszenierung 0:20 (7:25) Die dokumentarische Szene wird optisch verfremdet. Durchblende in eine Inszenierung: Eine Schar von Menschen folgt einem Priester, der von zwei Ministranten begleitet wird, die Fahnen tragen. Die Szene ist als Silhouette gegen den Himmel gefilmt. |
|
Angst und Hilflosigkeit der Menschen gegenüber der Bedrohung erzeugten ein gespenstisches Schauspiel, das um die Mitte des 14. Jahrhunderts überall in Europa anzutreffen war. Glocken kündeten vom Nahen eines Geißlerzuges. |
17. Montage: Realbilder 0:15 (7:40) Glocken die schlagen. Groß: Die Klöppel im Innern der Glocke. Wegschwenk von der Glocke über die Dächer einer Stadt. |
|
Der Strafe Gottes durch Selbstbestrafung zu entgehen, war ein Versuch des mittelalterlichen Menschen, die himmlischen Mächte wieder milde zu stimmen, denn die normale Buße, die von der Kirche angeboten wurde, reichte offensichtlich nicht aus. Alle Chroniken berichten von der seltsamen Massenhysterie, die im Jahr 1349 ganz Mitteleuropa befallen hatte. Im Sommer dieses Jahres traf ein Geißlerzug in Straßburg ein. Der Chronist berichtet: |
18. Montage: Insert / Inszenierung 0:30 (8:10) Geißler - Darstellung Brüssel, Bibliotheque Royale. Durchblende in eine Inszenierung entsprechend der mittelalterlichen Darstellung. Ein Zug von Männern mit entblößtem Oberkörper und spitzen, schwarzen Hüten auf dem Kopf. Dem Zug voran gehen zwei Männer, die große dunkelrote Fahnen tragen.Im Gehen schlagen sie sich mit Stöcken, an denen mehrere Lederriemen befestigt sind auf den Rücken. |
|
"Wenn die Geißler büßen wollten, legten sie sich in einen weiten Ring und ihr Meister schritt über sie, schlug einen nach dem anderen mit der Geißel auf den Leib und sprach: "Steh auf durch der reinen Martel Ehre und hüt dich vor der Sünden mehre" Hernach gingen sie je zwei um den Ring und geißelten sich mit Geißeln von Riemen, die hatten Knoten voran, darein waren Nägel gesteckt. Und sie schlugen sich über den Rücken, daß mancher sehr blutete... Nun fielen alle kreuzweise nieder auf die Erde und lagen eine Weile da, bis daß die Sänger anhuben zu singen: "Nun hebet auf eure Händ’, daß Gott das große Sterben wend’. Nun hebet auf eure Arm’, Daß Gott sich über uns erbarm’. |
19. Inszenierung 0:50 (9:00) Fortsetzung der Inszenierung: Die Szenen illustrieren den authentischen, sehr detaillierten Bericht. Die Bilder werden elektronisch verfremdet. Slow motion. |
|
Die Geißlerzüge machten einen enormen Eindruck auf die verängstigten Menschen der Zeit. Ihre Verzweiflung über die Hilflosigkeit gegenüber der furchtbaren Seuche schlug um in Haß gegen vermeintliche Urheber |
20. Inszenierung 0:20 (9:20) Die Kamera schwenkt von der Szene weg. Nahe Vorbeifahrt an den Zuschauern bis zu unserem Arzt, der sich ebenfalls das Schauspiel betrachtet.Er dreht sich um und geht weg. |
|
"Die Juden haben die Brunnen vergiftetet". Dieses Gerücht verbreitete sich schneller als die Seuche selbst. Die Außenseiter in der christlichen Gesellschaft - geduldet, aber der Mehrheit verhaßt - von Kaisern, Fürsten und sogar den Päpsten ausdrücklich unter Schutz gestellt, waren im Zweifelsfall völlig schutzlos. Der "Judenhut", den ihnen die Gesetze aufzwangen, unterschied sie schon äußerlich von ihren Mitbürgern. Jetzt wird er tausenden zum Verhängnis. "Großes Juden-Töten" verzeichnet ein Chronist lapidar für das Jahr 1349 - als sei es ein Naturereignis. Der latente Juden-Haß wird aus der christlichen Welt nie mehr verschwinden - bis zum Holocaust unseres Jahrhunderts. |
21. Collage: Insert / Inszenierung 0:50 (10:10) Mittelalterliche Holzschnitte:. Juden mit dem "Judenhut". Juden werden auf einem Karren zur Hinrichtung gefahren und auf einem Scheiterhaufen verbrannt. Dazwischen ein inszenierter Teil: die Kamera hat die Ecke eines Leiterwagens im Anschnitt, der durch eine Gasse gezogen wird. In der Gasse bilden schreiende Menschen ein Spalier. Sie drohen, schlagen mit Stöcken und werfen mit Steinen in Richtung der Kameraperspektive. |
|
Die Katastrophe der Pest brach über die christliche Welt herein, als die Lage ohnehin schon katastrophal ist: Frankreich ist vom hundertjährigen Krieg mit England zerissen, im Deutschen Reich kämpft der Kaiser gegen seine Widersacher in Bayern. In Italien wüten Hungersnöte und Bürgerkriege, in Kleinasien dringen die Türken vor und die Kirche befindet sich in einem desolaten Zustand. "So war das Menschengeschlecht geschlagen", schrieb ein Zeitgenosse "und wußte, daß es nichts ändern konnte an dem, was Gott tat, damit es wieder Furcht vor ihm lernte." |
22. Collage Insert / Inszenierung 0:40 (10:50) Durchblende in eine Europakarte. Die Kamera fährt die im Text genannten Länder an. Auf einer zweiten Bildebene erscheinen Kriegsszenen, Bilder der Verwüstung. |
|
Der Zustand der Kirche wurde von den Zeitgenossen als skandalös empfunden. Der Papst residierte nicht mehr in der Ewigen Stadt, sondern in Avignon, im Einflußbereich der französischen Könige. Der mächtige Palast, Festung und Gefängnis zugleich, erschien wie ein Sinnbild des Zustands der Kirche. |
23. dokumentarisch (AVIGNON) 0:20 (11:10) Durchblende in einen Hubschrauberflug auf den Papstpalst von Avignon zu. Der Palast von außen aus der Nähe. Aus der Froschperspektive: Mächtige Mauern und Türme. |
|
Papst Bonifaz VIII. hatte zu Beginn des 14. Jahrhunderts, während eines Streites mit dem französischen König, eine Bulle veröffentlicht, worin er sich selbst als weltliches Oberhaupt aller Herrscher dieser Erde bezeichnete. Ein Anspruch, der längst nicht mehr der politischen Realität entsprach. |
24. Collage: Insert/ Inszenierung 0:25 (11:35) Steinbüste Bonifaz VIII. in Rom. Durchblende in eine Inszenierung: Der Papst, dargestellt von einem Schauspieler. Langsame Zufahrt bis auf die Augen. |
|
Die französische Krone setzte in der Folgezeit durch, daß die zumeist französischen Päpste auch in Frankreich residieren mußten. Das politisch geschwächte Papsttum, das letztlich den Kampf um die weltliche Macht verloren hatte, gewann aber an Stärke auf einem anderen Gebiet: bei der Geldbeschaffung. |
25. dokumentarisch (AVIGNON) 0:25 (12:00) Innenhof des Papstpalastes. Zufahrt auf ein Fenster |
|
In den 70 Jahren der sog. "Babylonischen Gefangenschaft" entwickelte sich die Kurie zur stärksten Finanzmacht Europas und erschloß immer neue Geldquellen. Die Zunehmende Verweltlichung der Kurie und in ihrem Gefolge der hohen Geistlichkeit trat auch beim Klerus vor Ort bald zutage. Viele Inhaber geistlicher Ämter, überließen gegen einen Bruchteil der Einkünfte ihre geistlichen Aufgaben Vertretern der niederen Geistlichkeit. Diese hatten aber häufig keinerlei Ausbildung, beherrschten kaum die Liturgie und waren auch nur gegen Bares bereit, ihren geistlichen Aufgaben nachzukommen. Immer lauter wurde die Kritik am Zustand der Kirche. Sie hatte im Stil der Zeit die Form einer theologischen Auseinandersetzung, und war das beherrschende Thema der gesamten Epoche: die Armut Christi und seiner Jünger. Im Jahr 1323 verkündete ein Papst, die Behauptung, Christus und seine Jünger hätten keinen Besitz gehabt, sei eine Irrlehre. Damit erklärte er praktisch einen der bedeutendsten Heiligen der katholischen Kirche zum Ketzer. |
26. Montage:doku (AVIGNON) 1:00 (13:00) Papstpalast von innen. Verschiedene Räume, unter anderem das päpstliche Kabinett und der Arbeitsraum des "Kämmerers", des päpstlichen Finanzministers. Abrechnungen aus verschiedenen europäischen Ländern, die Einnahmen der Kurie dokumentieren. Zuletzt: Zufahrt auf ein Kruzifix. |
|
Die Armut Christi war kein neuer Gedanke. Bereits 150 Jahre vorher war im italienischen Assisi ein Mann aufgetreten, dessen Forderungen nach einer radikalen Nachfolge Christi die damalige Kirche verändert hatte. Doch zunächst deutete nichts darauf hin, daß der junge Mann mit Namen Francesco die Kirche seiner Zeit verändern sollte. |
27. doku (ASSISI) 0:20 (13:20) Totale: Umbrische Landschaft im Frühlicht. Die Stadt Assisi.. |
|
Er stammte aus einer begüterten Familie und teilte die Neigungen und Interessen der Jugendlichen seiner gesellschaftlichen Klasse, von den galanten Abenteuern bis zu kriegerischen Unternehmungen |
28. Montage Inszenierung / Insert 0:20 (13:40) Inszenierung: Ein junger Mann, in Sackleinen gekleidet, geht durch eine Ruine. Wechselspiel von Dunkelheit und Licht, das durch die Löcher im Dach einfällt. Durchblende in ein Gemälde in S. Francesco in Assisi: Spielleute und tanzende Menschen. |
|
Doch mit Anfang 20 steigt Francesco plötzlich aus. Er lebt als Einsiedler und beginnt verfallene Kapellen in der Umgebung der Stadt wieder aufzubauen. Immer weiter entfernt er sich von der Welt, der er eigentlich entstammt. |
29. Inszenierung 0:15 (13:55) Fortsetzung der Inszenierung. |
|
Franz widersetzt sich dem mächtigen Vater, der den exzentrischen Sohn in die von ihm vorgedachte Karriere pressen will und den Bischof von Assisi um Vermittlung bittet. Doch in einem symbolischen Akt der Lossagung verzichtet der Sohn auf das väterliche Erbe und wirft ihm sogar die Kleider vor die Füße. Der Vater-Sohn-Konflikt ist unüberbrückbar. Franz bricht mit der Welt des Vaters und seiner gesellschaftlichen Stellung. Er ist zu diesem Zeitpunkt 25 Jahre alt und wird nie mehr nach Hause zurückkehren. |
30. Insert (ASSISI) 0:30 (14:25) Darstellung in S. Francesco in Assisi. Franz gibt seinem Vater die Kleider zurück. |
|
Das aus Lumpen zusammengenähte Gewand wurde von nun an sein Markenzeichen und die Worte des Neuen Testaments, mit denen Jesus seine Jünger zur Mission aussendete, wurden sein Programm: das Wort Gottes in der Welt zu verkünden und auf alles andere zu verzichten. Einer Legende zufolge erklärte er einmal:"Und der Herr hat mir gesagt, daß ich ein neuer Narr sei in der Welt." |
31. doku (ASSISI) 0:25 (14:50) Die Originalkutte des Franziskus. Reliquie in Assisi. |
|
Franz Hinwendung zur Natur war etwas Ungewöhnliches für die Menschen des Mittelalters, denen die Natur noch weitgehend als feindliche Macht begegnete, die man sich nach dem Bibelwort untertan machen soll. Die Legende erzählt, daß Franz den Vögeln gepredigt habe, ein anderesmal sei ein wilder Wolf in seiner Gegenwart zahm geworden. Geschichten, die versuchen die ungewöhnliche Exaltiertheit und das starke Charisma dieses Mannes zu beschreiben, der viele Menschen in seinen Bann zog und auch eines der ersten lyrischen Gedichte des Mittelalters hinterlassen hat. |
32. Collage Insert / Realbild 0:30 (15:20) Darstellung: Franziskus predigt den Vögeln, Durchblende in Realbilder von Tieren. |
|
" "Gepriesen seist du, mein Herr, durch Bruder Mond und die Sterne, am Himmel hast du sie gebildet, hell leuchtend und kostbar und schön. Gepriesen seist du, mein Herr, durch Bruder Wind und durch Luft und Wolken und heiteren Himmel und jegliches Wetter, durch welches du deinen Geschöpfen den Unterhalt gibst." |
33. Montage: Realbilder 0:20 (15:40) Eindrucksvolle Naturbilder, der Mond, Landschaften mit ziehenden Wolken. |
|
Um die kleine Kapelle in Assisi sammelte sich bald eine Schar von Männern, die das karge Leben des Eremiten teilten. Er verfasste für die entstehende Bruderschaft eine Regel, in der die Nachfolge Christi in Armut und Demut im Vordergrund stand. Der Ruf eines Heiligen eilte ihm schon voraus, als er im Jahr 1209 nach Rom aufbrach, um seine Bruderschaft als Orden anerkennen zu lassen. Der Mönch, der die Armut und Bescheidenheit des Christen predigte, war unterwegs zu einem der mächtigsten und selbstbewußtesten Päpste, die je auf dem Stuhl Petri saßen. |
34. Montage: Doku / Inszenierung 0:30 (16:10) Die Portiuncola, die kleine Kapelle des Franziscus in Assisi. Durchblende in eine Inszenierung: Füße in Sandalen im Staub. Durchblende in eine Ansicht von Rom |
|
"Wie der Mond sein Licht durch die Sonne empfängt, so erhält der Kaiser seine Macht durch den Papst." Die Worte des Papstes formulierten ein politisches Programm. Innocenz III. trieb den päpstlichen Machtanspruch auf die Spitze. Er verstand sich nicht nur als Nachfolger des Petrus sondern führte für die Päpste den Titel "Stellvertreter Christi" ein. Er beanspruchte die Herrschaft über alle Könige der Welt. |
35. Inszenierung 0:30 (16:40) Langsame Zufahrt auf den Papst in einem dunklen Raum durch eine Allee aus Kerzen |
|
Im April 1209 standen sich die beiden Männer gegenüber. Franziskus bat um die Zulassung seiner Ordensgemeinschaft. In dieser Begegnung lag eine große Sprengkraft für die Kirche, die bis heute nichts von ihrer Brisanz verloren hat. Wie vollzieht sich die Wahre Nachfolge Christi? In der Weltzuwendung oder im bewußten Verzicht auf alles Weltliche? Zwei Pole zwischen denen die Auslegung des christlichen Glaubens bis heute oszilliert. Das Überraschende geschah: Der Papst ließ den Orden zu, der im Widerspruch zur päpstlichen Politik stand. |
36. Montage: Insert / Inszenierung 0:30 (17:10) Darstellung in der Kirche S.Francesco in Assisi. Franziskus vor dem Papst. Durchblende in eine Inszenierung: Kameraumfahrt um Papst und Franziskus. |
|
Die Legende will, daß Papst Innocenz III. vor der Begegnung mit dem kleinen Mönch einen Traum hatte. Franziskus stützt das wankende Gebäude der Kirche. Der Bettelmönch als Retter der Kirche? Die fromme Legende, die den Heiligen verklärt, enthält einen historischen Kern. Die Armutsbewegung des Franziskus stand trotz aller Provokation ganz auf dem Boden der katholischen Kirche - im Gegensatz zu anderen Bewegungen, die zur selben Zeit entstanden und die Kirche zu sprengen drohten. Das Papsttum ergriff die Chance, die radikalen Strömungen in den Schoß der Kirche zurück zu lenken. |
37. Montage: Inszenierung / Insert 0:40 (17:50) Eine traumhafte Sequenz. Das Gesicht des Papstes nah. Übergang in die Darstellung in der Kirche S. Francesco, "Der Traum des Papstes". Franziskus stützt ein Kirchengebäude, das zusammenzustürzen droht. |
|
Die kleine Kapelle des Franziskus in der mächtigen Kathedrale, die man später darüber errichtete, ist ein Symbol für das Schicksal der Bewegung, die aus kleinsten Anfängen bald zum einem der größten Orden des Abendlandes aufstieg. Schon bald nach dem Tod ihres Gründers brach innerhalb der Franziskaner ein Streit über das wahre Wesen der Armut aus. Hundert Jahre später wird ein Papst den Streit entscheiden und erklären, daß "die hartnäckige Versicherung, unser Erlöser und Herr Jesus Christus und seine Apostel hätten weder privat noch gemeinsam etwas besessen als irrig und häretisch zu erklären ist, da sie der Heiligen Schrift ausdrücklich widerspricht". |
38. dokumentarisch (ASSISI) 0:35 (18:25) Die Portiuncola in der Kirche von Assisi. Rückfahrt von der Kapelle und Eröffnung der Raumtotalen. Der kleine bescheidene Bau steht in Mitten eines gewaltigen Kirchengebäudes. |
|
Der Geist des Franziskus ist bis heute in hunderten von Klöstern lebendig, die sich auf seine Ordensregel berufen. Das Engagement für Menschen am Rande der Gesellschaft ist heutzutage ein typisches Kennzeichen für den weltumspannenden Orden. Einzelne Mitglieder des Ordens, wie der Brasilianer Leonardo Boff, verstanden ihre Solidarität mit den Armen der Welt nicht nur karitativ, sondern gaben ihr eine politische Wendung, wodurch sie in Widerspruch zum Papst gerieten. Die Botschaft des großen Heiligen enthält Zündstoff, der bis heute brisant geblieben ist. |
39. Montage: Franziskanerkloster 0:25 (18:50) Impressionen aus einem heutigen Franziskanerkloster in einer Großstadt, das sich u.a. der Obdachlosenseelsorge widmet. |
|
Ein liebenswertes Andenken an den Heiligen, das jeder kennt: Die Tradition der Weihnachtsgrippe geht auf Franziskus zurück. |
40. Franziskanerkloster 0:15 (19:05) Ein Franziskanermönch dekoriert eine Weihnachtsgrippe. |
|
Zu Beginn des 14. Jahrhunderts gab es alleine in Deutschland schon über 200 Klöster, die sich auf die Regel des Franziskus beriefen. Die einmal entfachte Diskussion über Reichtum und Armut der christlichen Kirche war trotz päpstlicher Angriffe nicht mehr zu unterdrücken und wurde bis in die Zeit der Reformation immer wieder neu belebt. Die Mönche des Franziskus zog es dorthin, wo das Herz der Epoche schlug: in die Städte. |
41. Inszenierung 0:25 (19:30) Ein Zug von Franziskanern in braunen Kutten wandert durch eine Landschaft. Sie begenen unserem Arzt auf der Straße. Er grüßt sie und bekreuzigt sich. Gesicht groß: Er schaut ihnen nach. Im Umschnitt sieht man die Silhouette einer mittelalterlichen Stadt, der die Franziskaner sich nähern. |
|
Die Welt des Spätmittelalters war eine Welt im Umbruch. zwischen 1100 und 1300 stieg die Zahl der europäischen Bevölkerung von 25 auf 50 Millionen. Die Städte waren die großen Magnet, die die Menschen anzog. Im Laufe des Mittelalters war es den Städten gelungen, sich vom Einfluß der Feudalherrn zu befreien und den Grundsatz durchzu-setzen, daß "Stadtluft frei mache". Wer über ein Jahr in einer Stadt lebte, der konnte sich aus der Leibeigenschaft befreien. |
42. Montage Insert / Real doku 0:30 (20:00) Mittelalterlichen Stadtdarstellungen und Ansichten von erhaltenen mittelalterlichen Stadtkernen flandrischer Städte. Stadtmauern, Tore und Kirchen |
|
Am rasanten Aufstieg der Städte vermochte auch die Katastrophe der Pest nichts zu änderte. Handwerk und Handel schufen Metropolen in Norditalien und in Flandern, im heutigen Belgien. Brugge und Gent zählten damals zu den größten und reichsten Städten nördlich der Alpen. Die prächtig gestalteten Fassaden der Kaufmannshäuser tragen noch heute stolz das Selbstbewußtsein ihrer Besitzer zur Schau. |
43. Doku 0:25 (20:25) Fahrt auf einem Kanal in Brügge. Die Kamera erfasst die reichen Bürgerhäuser an den Seiten des Kanals. |
|
Die Einrichtung der Häuser zeugt von einem Lebensstandard, der davor nur dem Adel vorbehalten war. |
44. dokumentarisch (MUSEUM) 0:10 (20:35) Blick in eine mittelalterliche Wohnungseinrichtung. Möbel, Geschirr, Glas - und Zinngerät. |
|
Der Reichtum der Städte beruhte neben dem Handel vor allem auf der Tuchherstellung, der Schlüsselindustrie der damaligen Zeit. Die Tuchmanufakturen waren die ersten Fabriken Europas. |
45. Inszenierung 0:20 (20:55) Steadicam-Gang durch eine Gasse. Wir betreten ein mittelalterliche eingerich-tetes Haus. Frauen in Gewändern der Zeit sind mit Spitzenklöppeleien beschäftigt. |
|
Das Kirchengebäude war das sichtbare, alles überragende Zentrum der neuen Metropolen. Die Kathedralen wurden jetzt prächtig ausgestattet, mit Altären, bunten Glasfenstern, zumeist Stiftungen reicher Kaufleute. Der Kirchenraum selbst war zu jener Zeit ein öffentlicher Raum. Hier fanden Gerichtsverhandlungen statt, hier trafen sich Kaufleute zu Geschäftsgesprächen und zuweilen hörte man Klagen, daß sogar Prostituierte in der Kirche auf Kundenfang gingen. |
46. doku (KIRCHE) 0:30 (21:25) Kirche: reiche Ausstattung. Stiftungen. Steadicam - Gang. Subjektive Perspektive.Die Kamera sieht sich in der Kirche um. |
|
Glockenspiel ertönt Eine technische Erfindung veränderte seit der Mitte des 14. Jahrhunderts den Lebensrhythmus der Menschen: die mechanische Uhr. Der Glockenschlag ruft zu Gebet und Kirchgang und der Sensenmann, als Symbol der unerbittlichen Zeit ist ständige Erinnerung an die Vergänglichkeit und zugleich Mahnung, sich um das Seelenheil zu kümmern. |
47. Montage: doku 0:20 (21:45) Der Zeiger einer mittelalterlichen Turmuhr springt auf die volle Stunde [G] .Das mechanische Werk im Innern. Der in die Uhr integrierte mechanische Sensenmann führt einen Schlag aus. |
|
Der mittelalterliche Mensch hatte vor allem Sorge um die Auferstehung. Die alltägliche Bedrohung durch Krankheiten, Seuchen und Kriege führten dem Menschen die Verletzlichkeit des Lebens vor Augen. Der Tod war eine alltägliche Erfahrung, die nicht aus der Öffentlichkeit verbannt war. Die Angst vor den Schrecken der Hölle, die auf spätmittelalterlichen Gemälden plastisch vor Augen geführt wurden, steigerte das Bemühen um Erlangen der Seeligkeit bis hin zu grotesken Ausformungen und merkwürdigen Gewaltanstrengungen. So erhoffte der deutsche Kaiser Friedrich III. durch die Stiftung von nicht weniger als 30.000 Seelenmessen sich der göttlichen Gnade zu versichern. |
48. Insert 0:30 (22:15) Gemälde von Petrus Christus: "Das jüngste Gericht". Details von Himmel und Hölle. |
|
Vorbild für ein Leben und Sterben in Christus waren die Heiligen. Die Menschen der Zeit sahen Darstellungen wie diese, in denen der Märtyrertod des Heiligen in drastischer Weise vor Augen geführt wurde. Der Sadismus der Folterknechte und das Leiden des Gequälten, das in Erwartung der ewigen Seeligkeit stoisch ertragen wird. |
49. Insert (LEUVEN) 0:20 (22:35) Darstellungen von Heiligenlegenden: das Gemälde "Martyrium des Hl. Erasmus" in Leuven. |
|
Die Heiligen sind in der Vorstellung des Mittelalters Vermittler zwischen Gott und den Menschen. Die Volksfrömmigkeit ordnete ihnen besondere Aufgaben zu. St. Rochus bsp. wird gegen die Pest angerufen, St. Antonius gilt als Helfer beim Auffinden verlorener Dinge. Es gibt praktisch keinen Bereich des Alltags, der nicht in den "Zuständigkeits-bereich" eines Heiligen fiele. |
50. Collage: Inserts vor Schwarz 0:30 (23:05) Heiligenfiguren ( die sog. 14 Nothelfer) vor Schwarz. Sie ziehen am Betrachter vorbei. |
|
Nichts erschien daher wertvoller als der Besitz von Überresten der Heiligen, die in der Vorstellungswelt der Zeit im Himmel bei Christus weilten und sich vielleicht dadurch ihrer Fürsprache zu versichern. Adlige, aber auch reiche Privatleute wetteiferten im Sammeln verschiedenster Reliqien und versahen sie mit wertvollen Schaugefäßen aus Gold und Edelsteinen. Knochenteile, Haare, Zähne, Kleidungsfetzen, Splitter vom Kreuz Jesu - alles, was in irgendeiner Weise in einen Zusammenhang mit einem heiligen Geschehen gebracht werden konnte, war ein Objekt der religiösen Begierde und so wundert es nicht, daß die Chroniken der Epoche auch von manch einem frommen Diebstahl berichten. |
51. Montage: div. Reliquien 0:30 (23:35) Unterschiedliche Reliquiare aus Sammlungen im flandrischen Raum. Sogenannte Bein - Kopf - , oder Armreliquiare |
|
Nicht anders als Kirchenfürsten und Privatleute hielten es auch die Könige. Karl IV. seit 1339 deutscher Kaiser besaß eine umfangreiche Reliquiensammlung, der er in seiner Burg Karlstein in der Nähe von Prag eine prächtige Heimstätte bauen ließ. Wichtig war vor allem die räumliche Nähe der Reliquien zu ihrem Besitzer, da man ihnen nicht zuletzt auch verschiedene Heilkräfte zutraute. |
52. doku (PRAG) 0:25 (24:00) Burg Karlstein bei Prag. Wohnräume, Kapelle, Reliquienschreine |
|
Die wertvollsten Reliquien, die das Mittelalter kannte, waren Dinge, die unmittelbar mit der Person Jesu in Verbindung gebracht wurden: Splitter vom Kreuz, Nägel von der Kreuzigung, Gewandteile, ja sogar Überbleibsel von der Beschneidung des Jesus-Knaben wurden an vielen Stellen verehrt und manchmal öffentlich gezeigt, was jeweils riesige Menschenmassen anzog. Seit dem 13. Jahrhundert findet in Brugge alljährlich eine Prozession statt, in deren Mittelpunkt ein Reliquiar steht, das einige Tropfen vom Blut Jesu enthalten soll. Ein flandrischer Graf will es im Jahr 1150 vom Patriarchen von Jerusalem erhalten haben. Die Sehnsucht der Gläu-bigen nach der physischen Nähe des Sakralen ist ein psychologischer Bestandteil der christlichen Religion, der sich bis in die Moderne zieht. |
53. doku (BRÜGGE) 0:40 (24:40) Heilgblutprozession in Brügge am Himmelfahrtstag. |
|
Auch heute noch gibt es immer wieder Berichte über Heilungen im Zusammenhang mit der Anrufung eines Heiligen. Am Ende des zwanzigsten Jahrhunderts geht man mit solchen Vorgängen kritischer um, als zu Zeiten des Mittelalters. Trotzdem sprechen Fälle, in denen Menschen entgegen medizinischer Prognosen von Krankheiten geheilt wurden, von der unerklärlichen Kraft des Glaubens - in einer Welt, die bis in die letzten Winkel rational durchleuchtet wurde. |
54. doku (ROM/VATIKANSTAAT) 0:30 (25:10) Vatikan. Komission, die über die Anerkennung von Wundern befindet. Archiv mit Akten. |
|
Die Sehnsucht nach der Nähe des Heiligen und Sakralen kommt am stärksten in der geistigen Bewegung zum Ausdruck, die man Mystik nennt. Alle großen Religionen kennen diesen Versuch des Individuums, sich mit dem Göttlichen zu vereinen. Der Mystik liegt das Gefühl zugrunde, daß die Welt, aber mehr noch das eigene ich mit all seinen Willensäußerungen, Wünschen und Begierden wie eine Mauer zwischen Gott und dem Menschen steht. Um die Nähe zu Gott herzustellen, muß das Ich schon im Leben "absterben", wie die Mystiker es nennen. Meditationsübungen, Fasten und ähnliches versetzen die Seele in einen hochsensiblen Zustand, der fast rauschhafte Visionen hervorbringt, die nur noch schwer in Worte zu fassen sind. |
55. doku (Kirche) 0:30 (25:40) Langsame Zufahrt durch ein gotisches Kirchenschiff. Vor dem Altar: die auf dem Boden ausgestreckte Gestalt einer Nonne. |
|
Vor allem Frauen wurden von der mystischen Frömmigkeit ergriffen. Margarete Ebner, eine Nonne aus Bayern, die um die Mitte des 14. Jahrhunderts verstarb, hatte Visionen von solcher Intensität, daß sie regelmäßig in einen komaartigen Zustand verfiel. In anderen Momenten stammelte sie in einer ihr unbekannten Sprache. "Manchmal", so schreibt sie, "tat sich ein Weg vor mir auf und Rede geschah mir und manchmal wurde ich empor gehoben, so daß ich den Boden unter den Füßen verlor". |
56. Inszenierung / Realbild 0:30 (26:10) Nonne in ihrer Zelle. Sie sitzt am Tisch und schreibt. Fast bildfüllend: die Augen, die in die Ferne schauen. Im Augapfel spiegelt sich das Fenster der Zelle. Himmel mit Wolken. |
|
Der Verlust des Bodens war die angestrebte Konsequenz dieser extremen religiösen Hingabe. "Von der Gnaden Überlast", betitelte die Mystikerin die Aufzeichnungen ihrer Visionen. Margarete Ebner hatte in ihrer Zelle eine Wiege stehen, in der sie das Jesuskind wiegte, wenn es nicht schlafen wollte. Manchmal nahm sie es auf den Arm. Auch sah sie den Gekreuzigten vom Kreuz heruntersteigen, um sie zu umarmen und ihr Nahrung zu reichen. |
57. Inszenierung 0:30 (26:40) Zurück in der Zelle. Kamerabewegung über die karge Einrichtung, das Bett, auf dem die Nonne jetzt ausgestreckt liegt. Wir sehen eine Wiege, ein gotisches Kruzifix. |
|
Wir haben uns daran gewöhnt, solche Äußerungen unter psychologisch - klinischen Gesichtspunkten zu betrachten. Wir übersehen aber dabei die starke Sehnsucht nach der Gegenwart des Göttlichen, die in der mystischen Extase liegt und ein Grundzug des Religiösen zu allen Zeiten ist. |
58. Inszenierung 0:20 (27:00) Weiter in der Zelle der Margarete Ebner: der Schreibtisch, Papiere, ein brennender Kerzenstummel. |
|
Noch eine andere Form gottgefälligen Lebens kannte die Epoche: In vielen Städten fanden sich Gemeinschaften von Laien, die in einer Art Kloster lebten. So fehlte in keiner flandrischen Stadt der sogenannte Beginenhof, ein abgeschlossenes Dorf in der Stadt, das unverheiratete Frauen beherbergte. Die Beginen stellten ganz im Stil der Zeit eine Mischung aus religiöser Gemeinschaft und wirtschaftlichem Zweckverband dar und existieren zum Teil heute noch. Der große Überschuß an Frauen, der für das Spätmittelalter typisch war, brachte den Beginen einen starken Zulauf. Denn außerhalb von Ehe und Familie oder Kloster gab es für Frauen in der mittelalterlichen Gesellschaft keine Existenzmöglichkeiten. Das klosterähnliche Leben, das allerdings an keine Gelübde gebunden war, kannte einen geregelten Tagesablauf zwischen Gebet und Arbeit, vor allem der Herstellung von Textilien und der Versorgung von Kranken. Die Kirche betrachtete die Beginenhöfe und ähnliche Vereinigungen von Männern mit Mißtrauen, da sie dem unmittelbaren Einfluß der Kirche entzogen waren. Während der ersten Jahrzehnte des 14. Jahrhunderts wurden die Laien- und Armutsbewegung, Beginen, Franziskaner und ihre Geistesverwandten verboten und dann wieder zugelassen. Die Kirche wehrte sich gegen den mächtigen Strom an Religiosität, der sich neben den von ihr vorgegebenen Kanälen entwickelte. Als Organisation verlor sie mehr und mehr an Boden bei den Gläubigen, während das Bedürfnis nach Glaube selten so stark war wie in dieser Epoche. |
59. Montage: (FLANDERN) 1:00 (28:00) Beginenhöfe in Brugge, Kortrijk und Amandsberg bei Gent, wo noch heute Beginen leben. Steadicam - Gang durch die Anlage. Innenräume der Häuser. Originalgegenstände aus dem Mittelalter. Heutige Beginen im Gebet bei der Arbeit. |
|
Ganz anders als die Moderne, hatten die Menschen des Mittelalters einen Sinn für das Unsichtbare. Aber die Mächte der Hölle und der Finsternis waren ebenso nah und greifbar, wie die des Himmels. Die Welt war von Dämonen bevölkert: Unzählbar viele böse Geister schließen uns wie ein dickes Gewölbe ein, so daß nicht einmal mehr ein Luftloch dazwischen Platz hat, lehrt ein Theologe der Zeit. Nichts Unangenehmes oder Schwieriges hat natürliche Ursachen. Dämonen verursachen Blähungen, Zahnweh oder Rausch. In jedem Laut, besonders aber im Husten sprechen sie miteinander. Dagegen hilft nur Weihwasser oder das Kreuzzeichen. Das vertreibt auch die sich vom Schweiß nährenden Teufel in der Gestalt von Flöhen und Läusen, ebenso wie ihre unsichtbaren Genossen in und um uns. |
60. Montage: Inserts / Realbilder 0:50 (28:50) In Großaufnahme: Fratzen von Teufeln und Dämonen - Wasserspeier an spätgotischen Kathedralen. Darstellungen in der bildenden Kunst. Durchblende in Spinnweben, verschlungene Wurzeln, die an menschliche Körper erinnern, Mikroskopische Großaufnahmen von Insekten. |
|
Der Teufel, der Antichrist, Beelzebub, "Herr der Fliegen" war allgegenwärtig. Die Welt war der große Kampfplatz der guten und der bösen Mächte um die Herrschaft über die Menschen. Nie zuvor wurde die Gegenwart des Teufels so gespürt wie in der Zeit des späten Mittelalters. Jetzt erschien er als der eigentliche Herr der Welt. Er konnte nicht nur nach dem Tod die Herrschaft über die Seelen gewinnen, er war auch in der Lage, von den Leibern der Menschen Besitz zu ergreifen. |
61. Montage: Inserts 0:30 (29:30) Mittelalterliche Teufelsbilder. Der Teufel als gehörnte, bocksfüßige Gestalt mit einem Gesicht als Hinterteil |
|
Drei Jahrhunderte zuvor hatte die große Mystikerin Hildegard von Bingen noch die Auffassung vertreten, daß der Teufel "in den Körper eines lebenden Menschen nicht Eingang finden kann, sonst würden sich die einzelnen Glieder zerstreuen". |
62. Insert 0:15 (29:35) Portrait Hildegard von Bingen. |
|
Doch schon Thomas von Aquin, der einflußreichste Theologe des Mittelalters lehrte, daß "der Teufel alle Verwandlungen, die in der Natur und durch Keime entstehen können, nachahmen kann". |
63. Insert 0:10 (29:45) Portrait Thomas von Aquin |
|
Die Natur verliert ihre Unschuld. Der Schatten des Teufels fällt über die Welt. Die Schönheit kann Lobpreis Gottes sein, aber auch Trugbild des Teufels. Eine seltsame Ohnmacht Gottes wird in dieser Zeit fühlbar. So traut man dem Teufel zu, daß er in menschliche Gestalt schlüpfen kann und daß er sich Menschen für seine Machenschaften bedient - vor allem der Frauen. |
64. Collage: Realbilder / Inszen. 0:30 (30:15) Suggestive Naturbilder: Gewitter, Wald im Frühnebel, Licht, das durch Laubwerk fällt, dunkle Wasserflächen. Unser Arzt geht durch eine Moorlandschaft. Er schaut sich unsicher um. Für einen kurzen Moment scheint er - wie auch der Zuschauer - zwischen Bäumen eine Frauengestalt zu erkennen. Er schaut noch mal hin. Die Stelle ist leer. |
|
Die Hexe, die Magierin, die mit übernatürlichen Mächten in Verbindung steht, Zauber- und Liebestränke mixt, Krankheiten bei Menschen und Tieren herbei - und wegzaubern kann, gehört zum Urbestand der Mythologie vieler Völker. Jahrhundertelang hatte das Christentum die Vorstellung von Dämonen, Zauberern und Hexen als Aberglauben be-kämpft. Am Ende des Mittelalters erlag sie selbst der heidnischen Märchenwelt. Mehr noch: mit scholastischer Gründlichkeit systematisierten Theologen den gesammelten Aberglauben und gossen ihn in ein wissenschaftliches Lehrbuch, das zur Grundlage der Verfolgung tausender von Frauen wurde. |
65. Inszenierung 0:30 (30:45) In einer märchenhaft anmutenden Szene sehen wir eine "Kräuterhexe", die einen Trank braut |
|
Der "Malleus maleficarum", der Hexenhammer, 1487 von zwei Dominikanern veröffentlicht, legt die Gründe dar, warum vor allem Frauen für die Anfechtungen des Teufels empfänglich sind: schon das lateinische Wort "femina" für Frau leite sich von den Wörtern "fides mina" d.h. "weniger Glaube" her. Außerdem seien Frauen ohnehin in allen Kräften der Seele wie des Leibes mangelhaft. Zudem triebhaft und deshalb vor allem den sexuellen Nachstellungen des Teufels ausgeliefert. |
66. Insert szenisch 0:30 (31:15) "Hexenhammer". Langsame Zufahrt auf eine Originalausgabe. Das Buch wird aufgeschlagen. Kamera taucht in die Schrift ein. |
|
Die Vorwürfe gegen die Hexen reichen vom Herstellen von Liebestränken über das Wegzaubern des männlichen Gliedes bis zum Besenritt zum Hexensabbath, einer Art okkulter Orgie, bei der sich die Hexen dem Teufel sexuell hingeben und kleine Kinder opfern. Die Mischung aus neurotischen Zwangsvorstellungen und volkstümlichen Aberglauben, die in solchen Vorwürfen zum Ausdruck kommt, wurde fast drei Jahrhunderte lang tausenden von Frauen aus allen Schichten des Volkes zum Verhängnis. Da man den Vorwurf der Hexerei mit der Vorstellung verband, daß die Hexen einen regelrechten Vertrag mit dem Teufel abschließen, zum Schaden des christlichen Glaubens, entstand die Idee einer Art satanischen Gegenkirche, die man wie die großen Ketzerbewegungen verfolgen müsse - mit Hilfe der Inquisition |
67. Montage: Inserts 0:50 (32:05) Hexen - Historische Darstellungen vom Hexenflug, Hexensabbath, der "Teufelsbuhlschaft" und ähnliches. (z. B. Dürer, Hans Baldung Grien) |
|
Mit dem Inquisitionsprozeß hatte die Kirche im 13. Jahrhundert ein Gerichtsverfahren eingeführt, mit dem vor allem gegen sog. Irrlehrer oder Heretiker verhandelt wurde. Im Grunde lag dem Inquisitionsprozeß ein moderner Gedanke zugrunde. Durch Inquisition, dh. Untersuchung des Sachverhalts oder Befragung des Angeklagten und der Zeugen sollte die Wahrheit ermittelt werden. Damit unterschied sich die Inquisition von den zu dieser Zeit üblichen Methoden der Rechts-findung. |
68. Inszenierung 0:30 (32:35) Inquisitionsprozeß. Der Richter, Beisitzer in Mönchskutten, die Angeklagte, ein Zeuge, der spricht und auf die Angeklagte deutet. |
|
Denn die mittelalterlichen Gerichte vertrauten meist noch auf das sog. "Ordal", das Gottesurteil. Standen Aussagen gegeneinander, so konnte der Angeklagte zu einem Gottesurteil gezwungen werden. Das mochte ein Zweikampf sein, das Tragen eines heißen Eisens oder das Greifen in einen Kessel mit kochendem Wasser. Nach dem Grad der Verletzung wurde auf die Schuld oder Unschuld des Angeklagten geschlossen. Die Kirche selbst distanzierte sich im 13. Jahrhundert von dieser Art einer magisch- religiösen Rechtsfindung und führte gleichzeitig den Inquisitionsprozeß ein. |
69. Inszenierung 0:30 (33:05) Gottesurteil. Ein Kessel mit kochendem Wasser im Vordergrund. Ein Mann nähert sich dem Kessel. Er schiebt den rechten Ärmel seines Gewands nach oben. Im Hintergrund beobachten einige Personen das gespannt das Geschehen. Der Mann greift in den Kessel. Groß: sein verzerrtes Gesicht. |
|
Der Inquisitionsprozeß war der Versuch, Strafprozesse auf eine vernünftige Grundlage zu stellen. Noch heute kennen wir die Verteilung der Rollen vor Gericht: Ankläger und Richter, Zeugen und Sachverständige und Verteidiger. Eine Verurteilung sollte - wie auch heute noch - nach Möglichkeit auf dem Geständnis der Angeklagten beruhen. |
70. Inszenierung 0:20 (33:25) Zurück zur vorletzten Szene. |
|
Da aber bei den Verhören die Folter zur Anwendung kam, wurde die vernünftige Grundidee des Verfahrens völlig zunichte gemacht. Außerdem betrachtete man Ketzerei und Hexerei als Verbrechen gegen die Majestät Gottes, so daß die Anwendung der Folter keinerlei Beschränkung unterlag. Für viele der Angeklagten war das Schuldgeständnis die einzige Möglichkeit, den Quälereien zu entgehen. |
71. doku (FOLTERKAMMER) 0:25 (33:50) Mittelalterliche Folterkammer. Gerätschaften |
|
Der Tod durch Verbrennen, zuerst über die Ketzer verhängt, wurde auch die Strafe der Hexen. Der Virus des Hexenwahns ergriff im 16. Jahrhundert Europa wie eine Epidemie. Trotz vieler kritischer Stimmen loderten bis weit in die Neuzeit hinein Scheiterhaufen in der christlichen Welt, vor allem da auch die staatlichen Behörden es sich zur Aufgabe machten, die Hexerei zu verfolgen. Erst im 18. Jahrhundert hörten die Hexenprozesse auf. Die mechanische Auffassung der Natur ließ keinen Raum mehr für Dämonen und Geister übrig und verbannte am Ende auch die Hexe ins Reich der Phantasie und der Märchen. |
72. Montage Insert / Inszen. 0:40 (34:30) Mittelalterliche Darstellung: Verbrennung von Hexen. Durchblende in das Gesicht des Arztes, in dem sich Flammen spiegeln. Umschnitt: Scheiterhaufen von Ferne gegen den dunklen Horizont |
|
Am Ende des 14. Jahrhunderts befanden sich Papsttum und Kirche an einem Tiefpunkt ihre Geschichte. Gespalten durch ein Doppelpasttum in Rom und in Avignon, in Abhängigkeit von den Monarchen Europas, im Abwehrkampf gegen die großen Laien - und Armutsbewegungen, verschanzte sich die offizielle Kirche gegen die Dämonen der Zeit hinter dicken Wällen - und war dabei doch reicher als jemals zuvor in ihrer Geschichte. Auch innerhalb der Kirche wurde jetzt immer häufiger Widerwillen laut gegen die Zustände im Haus des Herren. |
73. doku (AVIGNON) 0:30 (35:00) Papstpalast von Avignon aus der Entfernung. Aus der Nähe: Untersichtige Einstellungen. Darüber fegen Wolken im Zeitraffer hinweg. Steadicam - Gang entlang der Zinnen. |
|
Vor allem in England, regte sich eine mächtige Stimme. Hier an der Universität von Oxford lehrte ein Theologe mit Namen John Wyclif. Seine Kritik an der Finanzpolitik der Kirche traf auf offene Ohren, denn England führte seit Jahrzehnten Krieg mit Frankreich und es war ein offenes Geheimnis, daß die beträchtlichen Kirchensteurn, die England an die Päpste in Avignon abführte, zum Teil in die französische Kriegskasse flossen. |
74. doku (OXFORD) 0:25 (35:25) Universität von Oxford. Mittelalterliche Gebäude. Annäherung im Hubschrauberflug. |
|
Unter Berufung auf Stellen aus dem Neuen Testament kam Wyclif zu dem Schluß, daß "nach Christi Verordnung der gesamte Klerus vom Besitz irdischer Güter ganz und gar gereinigt werden muß. Niemals wird die Kirche ohne beträchtliche Störung sein, bis die Verordnung Christi, die heutzutage so sehr verachtet wird, in ihrer ursprünglichen Weise wieder durchgeführt wird." Als Konsequenz dieser Ansichten gestand Wyclif den weltlichen Herrschern zu, Kirchengüter zu besteuern und unterstützte die Weigerung der englischen Könige Gelder an den Papst abzuführen. |
75. Inszenierung 0:25 (35:50) Ein Studierzimmer. Ein Mann in mittelalterlicher Tracht und langem Vollbart diktiert einem Schreiber auf lateinisch. |
|
Wyclifs Schriften sind nicht nur der Ausdruck einer Kritik am Zustand der Kirche. Sie symbolisieren zugleich den Zusammenbruch einer Idee, der universalen europäisch-christlich-lateinischen Kultur. Denn in dem Theologen aus Oxford regte sich auch das Nationalgefühl des Engländers gegen einen französischen Papst. Er übersetzte die Bibel ins Englische und wurde damit zum Schöpfer der ersten Bibelfassung in eine Nationalsprache. |
76. Insert (OXFORD) 0:20 (36:10) Wyclifs Bibelübersetzung. Original in Oxford |
|
Wyclifs immer radikalere Ansichten, die ihn schließlich zur Ablehnung des Pasttums und der gesamten Organisation der Kirche führten, wurden zwar offiziell verdammt, aber ihr Echo hallte weit über Europa. Vor allem in Prag, das in jener Zeit die Hauptstadt des Deutschen Reiches war, fiel seine vehemte Kirchenkritik auf fruchtbaren Boden. |
77. Montage: doku (PRAG) 0:30 (36:40) Prag Stadtansichten. Totale, Karlsbrücke. Annäherung an den Veitsdom |
|
Kaiser Karl IV. hatte die böhmische Stadt zu einer prächtigen Residenz ausgebaut und der Veitsdom ist bis heute eines der eindrucksvollsten Beispiele spätgotischer Architektur. So schwärmte ein Zeitgenosse von den "Kirchen, die gen Himmel aufragen, wunderbar anzusehen, und unglaublich hochgesetzte Altäre, besetzt mit Heiligtümern, die mit Gold und Silber schwer geziert waren, priesterlich Ornament mit Edelstein und Perlen durchsetzt, alle Zier der Tempel köstlich, die Fenster hoch und licht mit gar köstlichem Glaswerk, mit kluger Meisterschaft gemacht." |
78. Collage: doku / Inszen. 0:35 (37:15) Veitsdom innen. Totale und Details entsprechend der Beschreibung. Dazwischen: Umschnitt auf das Gesicht des Arztes, in dem sich die Begeisterung des zeitgenössischen Textes spiegelt. |
|
Doch der Prediger Jan Hus, angeregt von den Ideen Wyclifs hatte wenig Sinn für die Pracht der Kirchengebäude. Für ihn war dies alles unnützes Zeug, das den wahren christlichen Glauben verstellt. |
79. Insert 0:15 (37:30) Porträts von Jan Hus. |
|
"Das geziemendste und größte Stift und Gotteshaus, darin Gott soll angebetet werden, ist die Welt. Die aber Kirchen bauen und Klöster und Kapellen und Bethhäuser, die wollen die Göttliche Majestät in einen Winkel zwingen, als ob sie nicht an allen Stätten könnte gleich gnädig sein". |
80. doku (PRAG) 0:20 (37:50) Veitsdom. Steadicam - Gang. Subjektive Perspektive |
|
Hus nahm Gedanken vorweg, die in der Reformationszeit wieder auftauchen werden. Wie alle Reformatoren wollte er die Kirche von Entwicklungen reinigen, die von der Bibel wegführen. Vor allem gestand er den Laien größeren Einfluß zu. Zum Symbol der Hussitischen Bewegung wurde der Laienkelch d.h. die Teilhabe der Gemeinde am Kelch, der in der katholischen Liturgie dem Priester vorbehalten war. |
81. Inszenierung 0:25 (38:15) Der Laienkelch wird herumgereicht |
|
Auch in Hus’ Kirchenkritik mischten sich religiöse und politische Motive. Hinter den Fassaden der Prager Bürgerhäuser formierte sich böhmisches Nationalbewußtsein. Im Spätmittelalter begannen die Völker sich ihrer Eigenarten bewußt zu werden. Römischer Papst und Kaiser hatten ihren universalen Nimbus eingebüßt und erschienen den Menschen plötzlich als Ausländer, die versuchten, Machtinteressen bei fremden Völkern durchzusetzen. Die christliche Ökumene, symbolisiert in den großen Kathedralen, existierte nicht mehr. |
82. Montage: (PRAG) 0:25 (38:40) Gassen der Altstadt. Über den Dächern wird der Dom sichtbar. |
|
Die Päpste waren längst Marionetten im Machtspiel der europäischen Herrscher. In einer Satire der Zeit freut sich der Teufel hämisch über den drohenden Untergang der Kirche und ärgert sich lediglich über ein paar Frösche, die aus ihren Schlammlöchern unaufhörlich quaken: "Allgemeines Konzil, allgemeines Konzil!" |
83. Tag / außen doku (szenisch) 0:20 (39:00)
Puppenspiel auf einem sog. Mittelaltermarkt. Papst und Teufel treten auf. Die Zuschauer |
|
Zu Beginn des 15. Jahrhunderts war das Chaos perfekt. Drei Päpste stritten um den Anspruch, Oberhirte der Christenheit zu sein. Die einzige Chance, die dringend notwendigen Reformen in Gang zu bringen, schien auch Theologen, die noch auf dem Boden der katholischen Lehre standen, nur durch ein allgemeines Konzil möglich, dessen Entscheidungen sich auch der Papst zu beugen habe. Es trat auf Betreiben des deutschen Kaisers Sigismund 1414 in Konstanz am Bodensee zusammen. |
84. Collage: Real / Inserts 0:25 (39:25) Bodensee: Schwenk aus Schilf in Wasser nah: Durchblende von Portraits der Schisma - Päpste. Hochschwenk vom Wasser des Bodensees auf Konstanz. Annäherung an das Konzilsgebäude vom See aus. |
|
Tausende von Geistlichen, weltliche Herren mit ihrem Gefolge, Gelehrte der Universitäten und dazu ein Schwarm bunten Volkes drängten sich in Konstanz zusammen, das für vier Jahre in den Mittelpunkt der Welt trat. |
85. (MITTELALTERFEST) 0:30 (39:55) Impressionen von einem Mittelalterfest, elektronisch verfremdet. Menschen in mittelalterlichen Kostümen, ein Markt Leute auf Pferden, Gaukler auf einer Bühne. |
|
Stimmengemurmel. Die Aufgabe, vor der das Konzil stand, war gewaltig. Die Einheit der Kirche wiederherzustellen, eine "Reformation an Haupt und Gliedern" durchzuführen und die dogmatische Auseinandersetzung mit den kirchenkritischen Strömungen der Zeit zu führen. Die Beendigung des Schismas gelang durch die Absetzung der drei Päpste und Wahl eines neuen, aber die "Reform der Glieder" scheiterte an zu vielen Einzelinteressen. Die Chance, den Ämter-, Steuer-, und Ablaßschacher zu beenden, der letztlich hundert Jahre später zur Reformation führte, wurde vertan. Auch gelang es nicht, grundsätzlich die Konzile dem Papst überzuordnen, sondern nur den regelmäßigen Zusammentritt von Konzilien durchzusetzen. |
86. Collage: Doku / Inserts 0:40 (40:35) Montage: Konstanzer Dom und Konzilsgebäude; Portraits der Päpste, stark verfremdet: dokumentarischen Bilder vom II. Vatikanum. |
|
In die Erinnerung der Nachwelt hat sich das Konzil durch eine besonders niederträchtige Tat eingeprägt: den Verrat an Jan Hus. Unter den hunderten von Theologen, die zum Konzil angereist waren, befand sich auch der radikale Reformator aus Prag. Eingeladen zur Verteidigung seiner Lehren, ausgestattet mit einem kaiserlichen Schutzbrief, der seine persönliche Sicherheit garantierte, wurde er dennoch ergriffen, der Folter unterworfen und vor den Toren von Konstanz als Ketzer verbrannt - und das, obwohl Kaiser Sigismund, der den Schutzbrief ausgestellt hatte, beim Konzil anwesend war. |
87. Insert (PRAG) 0:35 (41:15) Jan Hus in Konstanz. Darstellungen aus der Konzilschronik des Ulrich von Richenthal. Original in Prager Universitätsbibliothek. Hus vor dem Konzil, seine Verurteilung als Ketzer, Abführung zur Hinrichtung. |
|
Hundert Jahre später wird sich Karl V. von der Wortbrüchigkeit seines Vorgängers auf dem Thron distanzieren, als er einem anderen Reformator mit Namen Martin Luther, freies Geleit gewährt. Hus mußte sterben, aber die Idee einer gründlichen Reform der Kirche ließ sich dauerhaft nicht mit Scheiterhaufen bekämpfen. |
88. Inszenierung / Collage 0:45 (42:00) Holz wird um die Beine und Brust von Hus geschichtet. Subjektiver Blick auf die Zuschauer. Unter ihnen unser Arzt als alter Mann. Leichte Verdichtung auf sein Gesicht. Die Perspektive wird nach und nach von Holzscheiten ganz dicht vor der Kamera zugebaut, bis das Bild dunkel ist. Durchblende in a) Feuer, Durchblende in b) "Sensenmann" (wie in Bild 3) Abspann |