2000 Jahre Christentum
Folge 10
23. Januar 2000
Altar der Vernunft
Das Christentum in Aufklärung und Revolution
Buch: Jens-Peter Behrend
Regie: Michael Gregor
Redaktion: Hubert Schöne
Drehbuch (3. Fassung / Jan. 98)
1. Schwelbrand in Europa
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Schweres Glockenläuten. Barocke Orgelmusik. |
Ein Städtchen im Abenddunst, am Horizont ein Feuer. Glocken nah. |
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Dazwischen Stille, nur das Geräusch des hoch-gehenden Fallbeils. Dann wieder Musik. |
Guillotine, das Messer wird langsam hochgezogen. Nah: aufgerissene Augen, dann Detail: eine Schere schneidet einem Delinquenten, der ein rotes Tuch um den Hals trägt, grob das Haar ab. Das Seil, das über Rollen gezogen wird, die Führung des Messers in der Guillotine |
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"Ego te absolvo....", die lateinische Formel der Absolution, die einem Delinquenten erteilt wird, ist wie von irrealer Stimme echohaft zu hören. |
Domkuppel und Glocken. Ein Marktplatz (evtl. zu drehen in Etampes, südl. v. Paris). |
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Erzählerstimme eines Zeugen: "Es war im September 1792. Als ich das Blutgerüst erblickte, erschauderte ich. Es waren an die fünfzig Menschen, die mit dem Rücken zum Schafott standen. Ich sah den Henkermeister mit seinen Knechten.... Die Opferung sollte beginnen... Jetzt war es der Abbé Bertaux, der zur Schlachtbank geführt wurde. Die laute Freude, die abscheulichen Witze der Zuschauer, verdoppelten und verstärkten die Qual der Todesstrafe, die an und für sich schmerzlos ist, aber grausam durch den Anblick soviel vergossenen Blutes." |
Nah: ein Rasiermesser senkt sich auf den Hals des Delinquenten. Jetzt werden ihm die Nackenhaare abrasiert. Zu hören ist das Schaben der Klinge. Sehr nah, das umgehängte Kruzifix auf der Brust des Delinquenten, die gefesselten Hände greifen danach. Gekleidet ist er in weißes Büßergewand. Das heruntersausende Messer. Ein Schatten huscht über das Bild. Dann: Blut verfärbt den weißen Stoff, läuft über eine Holzplanke. Es bildet einen kleinen See auf dem Kopfsteinpflaster. Das Bild verfärbt sich, wird allmählich rot. |
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Im Crescendo geht das Orgelspiel in sehr lauten Sturm über: das Fallbeil fällt. Ein lauter Schlag. Stille. Man hört Blut tropfen, dann den Aufschrei einer Menge. |
Ein Wagenrad fährt durch die Blutlache. Das Kruzifix fällt von oben in den kleinen See, versinkt halb darin. |
Titel:
2. Le rouge et le noir
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1765: Emmanuel-Joseph Sieyès, ein Siebzehnjähriger auf dem Weg nach Paris, wo er das Priesterseminar besuchen wird. Der junge Stipendiat sollte nicht nur Zeuge von einem halben Jahrhundert Aufklärung, Revolution, Gegenrevolution und Reaktion werden. Sieyés sollte die graue Eminenz hinter Ereignissen werden, die die Welt veränderten. |
Kirchengeläut. Sonnenblumen und Lavendelfelder in Südfrankreich, ein Eindruck, als habe sich das Land seit hunderten von Jahren nicht verändert. Ein junger Mann, ärmlich gekleidet, von kränklicher Gestalt und wenig attraktivem Äußeren, verläßt sein Dorf und zieht über eine staubige Straße nach Norden. |
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Sieyès war der Sohn eines armen, kleinen Steuerbeamten, eines Abgabeneintreibers. Am 13. Mai 1748 wurde er in Fréjus-en-Provence geboren. Wie üblich in kinderreichen Familien versucht man die Nachkommen, die keine Aussicht auf Erbschaft haben, in der Kirche unterzubringen. Sieyès Lebenslauf und Karriere sind typisch für seine Zeit. |
Frejus in der Provence. Die Friedfertigkeit einer südfranzösischen Landschaft und eines eher mittelalterlichen Hafenstädtchens. |
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Le rouge ou le noire, Armee oder Kirche, Soldatenrock oder Soutane, ist die Alternative für einen Bürgerlichen ohne Geld. Für den schwächlichen Sieyès steht nicht einmal diese Wahl offen: ihm bleibt nur die Soutane. |
In Details: ein roter Militärrock oder die roten Manschetten eines Uniformrocks, Kanonendonner. Dann ist ein Glöckchen zu hören. Soutane und die Hände eines Priesters. Ein Hochamt wird gehalten. |
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Sieyès erlebte seine geistige Erziehung als ein "... unmenschliches System, in dem die Erzieher der übelsten Sorte sich befleissigten, ihre Schüler körperlich und moralisch zu foltern, sie abzurichten und zu gestalten nach irgendwelchen wahnhaften Vorbildern." - Vorbilder, die wechseln in dieser Zeit. Als Sieyès ins Seminar einzieht, hat man gerade die Jesuiten aus dem Land gejagt. Deren Macht hatte das geistige und geistliche Leben nicht nur in Frankreich sondern in vielen Teilen der katholischen Welt bestimmt. |
Inszeniert: eine Schule mit Lehrern im Priestergewand. Der junge Sieyès muß unablässig Kniebeugen vor dem Lehrer machen. Dann vor leerer Schreibplatte: er schreibt einen Brief. |
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Das Wertsystem ist im Umbruch: Sieyes liest heimlich Voltaire, Rousseau und die Enzyklopädisten sowie Helvetius, Locke, Condillac und Bonnet - allesamt heftige Kritiker der katholischen Kirche. In den Köpfen regierte eine neue Welt, in Kirchen- wie Staatsverwaltung noch die alte. (Evtl. Namensansammlung verkürzen). |
Eine Montage von Schriften und Pamphleten der "philosophes". |
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Sieyès wußte, er war seinen klerikalen Gönnern ausgeliefert. Er arrangierte sich. Er ist Realist. 1773, nach der Priesterweihe, schreibt er an seinen Vater: "Entweder finde ich ein Auskommen oder ich werde untergehen. Sie haben mich auf einen Weg geschickt, ich hoffe nur, daß Sie mich nicht auf der Mitte des Weges verlassen, den Sie mich mit so viel Hoffnungen beginnen ließen." |
Klostergarten. Seminaristen während einer Unterrichtspause. Es läutet, alle gehen ins Gebäude. |
3. Die Ruhe vor dem SturmDie groûen Pal‰ste oder Schlˆsser in Europa, Petersburg, Berlin, Rom etc. Dazwischen in ‹berblendungen nah Glocken verschiedener Kirchen.
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Der europäische Kontinent am Vorabend der französischen Revolution, dem Beginn der Neuzeit. Die Fundamente der Allianz von Christentum und Feudalherrschaft, längst brüchig geworden, drohen zu bersten. |
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Die Bevölkerung um 1780: Rußland 24 Mio; das kleine Preußen 8,6 Mio; Österreich 7,9 Mio; Italien 17 Mio; Spanien 10 Mio; England 9 Mio und Frankreich, bevölkerungsstärkste und wohlhabendste Nation: 25 Mio Menschen. Soziale Spannungen, ungleiche Steuerbelastung auf dem Rücken der Armen, Mißernten und eine ungerechte Landverteilung nähren in Frankreich ein revolutionäres Potential. |
Rom, Peterskirche. Schweizer Garde. Jeweils unterschiedliche Landschaften (Berge, Flachland, Insel im Meer etc. zur Illustration der verschiedenen Landschaften in Europa), dazu jeweils in Überblendungen die Gesichter von Bauern, Fischern, Handwerkern etc. bei der Arbeit. Korn wird gesenst, Hände flicken ein Fischernetz etc. historisierende Aufnahmen. |
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Der Abbé Sieyès bekleidet als Generalvikar der Diozöse Chartres inzwischen ein zwar sicheres, aber eher bescheidenes Kirchenamt. Generalvikar, das ist bescheidener, als es klingt. Als Vertreter des Klerus in der Provinzialversammlung von Orléans kommt ihm erstmals ein politisches Amt zu. Zwei Jahre später,1789, tritt er ins Bewußtsein seiner Zeitgenossen: Im Parlament fragt er stellvertretend für die überwältigende Mehrheit von 24 der 25 Millonen Seelen seines Landes, für den Dritten Stand, was dieser nicht zu fragen wagt: "Qu' est-ce que le Tiers état?" |
Chartres. Die Kathedrale. |
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"Was ist der Dritte Stand", so heißt die berühmte Flugschrift, der revolutionäre Aufruf an eine neue Zeit. "Alles." heißt die Antwort. ""was ist er bisher in der staatlichen Ordnung gewesen? Nichts. Was will er? Etwas darin werden." Wer lesen kann, erkennt in diesen Worten die kommende Zeit. Innerhalb weniger Tage werden 30.000 Stück davon verkauft, für damalige Verhältnisse eine Sensation. Das Blatt ist erfolgreicher als Thomas Paines "Common sense" und Karl Marx' "Kommunistische Manifest". Sieyès predigt ein Glück, das nicht mehr vom Himmel abhängig ist, sondern auf Erden verwirklicht werden kann; das sich nicht in fernen Utopien verliert, sondern die tatsächlichen Möglichkeiten miteinberechnet. Er predigt der Menschheit ein Glück, das jeden Tag aufs Neue verwirklicht werden wollte. |
Im Gegensatz: Versailles, aus der Luft. Ein sich drehender Globus, der zum Stehen kommt. Rund um ihn herum ein Gebäude: der Entwurf von J.J. Lequeu, Revolutionsarchitektur. Die Kamera verdichtet auf Europa. Die Kamera macht eine Kreisbewegung um Frankreich herum. Bildfüllend, dann vom Wind ergriffen: ein Flugblatt, das, vom Wind ergriffen, auf die Kamera zukommt. Dann Durchblende auf den Text des Flugblatts. |
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Die Suche nach dem Glück war in der Tat 1789 eine tägliche Herausforderung. Teuerung. Im reichsten Land Europas wird gehungert. Der Staat steht vor dem finanziellen Bankrott. In Paris gärt es. Wie in fiebriger Erwartung schaut die Stadt auf die kommenden Ereignisse. Die Ideen der Philosophen spuken durch die Köpfe. Schließlich verhilft die Natur - vor allem die katastrophalen Ernten - den Revolutionären auf die Bühne der Geschichte. |
Ausgemergelte Gesichter, slow motion. Sich drehende Büsten von Rousseau und Voltaire. Ein Feld, unreifes, schlecht stehendes Getreide. Übergang in roten Rauch. Aus dem Rot kommt der rote Teil der Fahne hervor. Dann zieht die Trikolore über das Bild. |
4. Die Machtergreifung
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In Versailles, wo der Staatsbankrott die Herrschaft, das ancien régime, bedroht, sieht sich der König gezwungen, die Generalstände einzuberufen. Der Erzbischof von Aix hält eine flammende Rede über die unglückliche Lage des Volkes und das Elend auf dem Lande: er holt ein Stück halb verschimmelten Brotes aus der Tasche, "das selbst Tiere verschmäht hatten". |
Versailles im Lichterglanz. Dagegen: Ein Stück verschimmeltes Brot nah in einer Hand gehalten. Maden kriechen hervor. |
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Der Erzbischof spricht auch dem glühenden Sieyès aus der Seele. Übertroffen wird er durch den Redner, der nun das Wort ergreift, ein unbekannter junger Mann: "Gehen Sie," ruft er dem Erzbischof zu," und sagen Sie Ihren Amtsbrüdern, ...sie sollten sich zu ... den Freunden des Volkes gesellen, ...verzichten Sie als Diener der Religion auf den Überfluß, ...auf die Pracht, die die Armut verletzt, kehren Sie zur Bescheidenheit Ihrer Herkunft zurück,...verwandeln Sie (Ihren) verächtlichen Luxus in Nahrung für die Armen." |
Versailles nachts. Kerzen in einem Fenster, der Wind pustet sie fast aus. Bilder der Nationalversammlung. Der Sturm auf die Bastille. Stimmengewirr einer großen Volksversammlung. Sieyès im Priestergewand. Der sich in slow motion von der einen zur anderen Seite drehende Kopf in einer nächtlichen Versammlung. Er macht sich Notizen, dann schaut er gebannt auf den Redner. |
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Der Name dieses Mannes: Robespierre. Er betritt an diesem Tag die politische Arena von Paris, die er bis zu seinem schmählichen Ende, sechs Jahre später, beherrschen wird. |
Darstellung des Ballhausschwures: vor der Menge der Versammelten eine Dreiergruppe: ein Priester ein Adliger und ein Bürger reichen sich die Hände, dahinter die Menge der Abgeordneten. Auf einem Tisch: Bailly, der den Ballhausschwur vorspricht. Am Tisch sitzt, im grünlichen Rock auf einem Holzstuhl Sieyès. Bildnis des Robespierre. |
5. Zu den Wurzeln des Glaubens
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Die Forderung ergeht an die Kirche, zu den Wurzeln des Glaubens zurückzukehren. St. Sulpice, das Priesterseminar und die Schule - war St. Sulpice die unfreiwillige Kaderschmiede der Revolution? Aus ihr waren Sieyès und Talleyrand, führende Köpfe der Revolution, hervorgegangen. |
St. Sulpice taucht aus dem Rauch auf, um wieder darin zu verschwinden. |
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Die kirchlichen Amtsträger standen auf beiden Seiten: die hohe Geistlichkeit war Teil der Herrschaft, die niedere lebte in einem kulturellen Getto. Die Kirche hatte den Widerspruch der Interessen in den eigenen Reihen. |
Ordinationsfeier (evtl. in der Kathedrale von Rouen zu drehen). |
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Die Revolution: angeführt von Priestern und Geistlichen schwört der Dritte Stand am 20. Juni 1789 nicht eher auseinanderzugehen, als bis dem Königreich eine Verfassung gegeben ist. Stimmengewirr geht in Kanonendonner und Schußgeräusche über. Kaum vier Wochen später: der 14. Juli, noch heute Frankreichs Nationalfeiertag - der Sturm auf die Bastille. Das alte Gefängnis war ein verhasstes Symbol für Willkürherrschaft. Es schien, als ob 1789 die Franzosen in fiebriger Begeisterung lebten, in Erwartung eines Wunders, das das ganze Menschengeschlecht, die ganze Welt verändern sollte. Die Deputierten, die Vertreter des Volkes, waren die Handwerker dieses Glücks. |
Rauch zieht über das Bild. Finger bzw. Hände in Überblendungen, die zum Schwur erhoben sind. Feuerrauch. Im nächtlichen Feuerschein: Noch einmal: Darstellung des Sturms auf die Bastille (Klammermaterial?) Überblendung in dicke Eisenketten, Feuerstelle, Schmiede. Eine Kanone wird abgefeuert, feuerroter Blitz, dann Rauch. Eine Eisenkugel schlägt in altes Mauerwerk ein. Überblendung in Sonne, helles Licht, blauer Himmel, dann weiße Wolke. |
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Die Entdeckungen der Wissenschaften gaben dem Menschen das Bewußtsein von der Beherrschbarkeit der Natur. Die Enzyklopädie, das gesammelte Wissen, wurde Instrument dazu. Der Mensch schreitet nach dem Ende des dunklen Zeitalters überall in Europa dem Licht entgegen. Nach Bacon, Hobbes und Locke in England folgt die deutsche Aufklärung: Leibniz verhilft dem Individuum zur Anerkennung, Lessing predigt Toleranz, Kant verkündet "den Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit" (1784). Die Aufklärung überwindet die aus dem Mittelalter übernommene, feudalistische Ordnung im Weltlichen wie Geistlichen. Sie bedeutet nicht nur den Anfang vom Ende für die alte Herrschaft, das "Ancien Régime", sie bedeutet die Bewußtwerdung von geschichtlicher Erfahrung und die Entdeckung des politischen Handelns für den einzelnen. |
Das Licht der Aufklärung. Die Wolke geht über in Rauch bzw. in den Qualm aus einem chemischen Laboratorium (z.B. Rekonstruktion des Labors im Museum von Tiffauges). Ein perpetuum mobile oder ausgeklügeltes, mechanisches Uhrwerk einer Spieluhr aus dem 18. Jhdt. und Anatomiezeichnung des Menschen. |
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Die Zeit ist im Umbruch. Religiöse Neuerung wird gesucht. In Deutschland streben führende Kirchenmänner nach einem sittlich geläuterten und im Alltag verankerten Glauben. Der Pietismus entdeckt das Selbst, fördert die Vertiefung in sich. |
Der Pietismus in Deutschland. |
6. Blüten im Garten der Religion
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In Frankreich war der Protestantismus weitgehend mit Gewalt ausgelöscht worden: Mit den Morden an den Protestanten in der Bartholomäusnacht oder den aus dem Land durch Ludwig XIV vertriebenen Hugenotten war der Widerstand gebrochen. Nun regt er sich erneut: Mit dem Jansenismus, nach einem flämischen Theologen genannt, der sich sich auf die Lehren des Augustin beruft, entsteht eine neue Bewegung. Der Jansenismus greift die Moral und die Theologie der mächtigen Jesuiten an und beharrt auf der Eigenständigkeit der Bischöfe gegenüber Rom. |
Der Jansenismus in Frankreich. Darstellungen der Hugenottenverfolgung und -vertreibung. |
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Die neue Frömmigkeit der Janensisten trieb eigenartige Blüten. Die Bewegung der "convulsionaires", frömmlerischer Glaubensanhänger, verwirrte die Obrigkeit. Auf ihrem Höhepunkt feierte sie ekstatische Zusammenkünfte auf Friedhöfen. |
Subjektiver Kameragang über einen nächtlich spärlich erleuchteten Friedhof, Saint-Médard in Paris. Schemenhaft sind Menschen zu erkennen. |
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Der Friedhof der Kirchengemeinde Saint-Médard, Paris, wird zu einem Zentrum fanatischen Wunderglaubens. 1727 war hier "Francois de Pâris" in einer Hütte gestorben. Der ursprünglich reiche Mann hatte sein Vermögen den Armen vermacht, weil diese dem Gottesreich am nächsten waren. Eine schäbige Hütte, in der Kerzen brennen. Ein Schrank, ein Tisch, ein hartes Bett etc., Mobiliar, das geschmückt ist. Er selbst: volksnah, war Weber geworden, hatte in Askese gelebt und wollte wie ein Armer begraben werden. Alle Dinge seiner Hinterlassenschaft werden wie Reliquien angesehen. Der nächtliche Friedhof mit den Pilgern und Frömmlern. Hände, die in der Erde graben. Erde, die zum Mund geführt wird, Bilder von bizarrer Anmutung.Kranke lassen sich auf dem Grabstein nieder, man gräbt die Erde aus, weil man ihr Heilkräfte zuspricht. Ein nicht endender Zug von Pilgern. Ein Devotionalienmarkt entsteht. In einer Untergrund-Zeitschrift der Jansenisten werden die Wunder verbreitet. Eine Gelähmte, die seit 20 Jahren nicht gehen kann, wird geheilt. Eine Blutende hört auf zu bluten. Ein Wunderfieber greift um sich, das die Befallenen dazu bringt, daß sie sich auf dem Grab des Heiligen in Konvulsionen winden. Man zählte in sechs Monaten 200 von der eigenartigen Erscheinung Befallene. Mehr als zwei Drittel waren Frauen, zumeist Handwerker und einfache Leute. Die öffentliche Ordnung ist gefährdet. |
Ein Grab, blumengeschmückt, um das die Frommen. Lieder singend und Kerzen haltend, herumziehen. |
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Die Friedhöfe, "Brutplätze für Libertinage und Kriminalität" werden auf königlichen Befehl geschlossen, abgeriegelt und bewacht. Auf einem Plakat der jansenistischen Heilsgläubigen steht: "Der König verbietet Gott, Wunder zu vollbringen." |
Tags: ein Friedhof wird abgeriegelt. |
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Die Folge des Verbots heißt: Organisation im Untergrund. 1743 waren z.B. mehr als 5000 Personen in diesen Geheimtreffen organisiert. 30 % der männlichen Teilnehmer waren Geistliche! Die Konvulsionisten rekruitierten sich nicht etwa aus gesellschaftlichen Randgruppe. Sie werden durch die Polizei verfolgt. Aufgegriffene Konvulsionisten zeigen Spasmen, Verkrampfungen, Schmerzen, Anzeichen schrecklicher innerer Torturen. Eisenstangen, Peitschen, Scheren, Dolche, Schwerter, Holzstangen, dann Druck und Zerrung der "befallenen" Körper bis aufs Blut werden als Gegenmittel eingesetzt! Eine wahre Hysterie setzt ein. Die Körper setzen sich mehr und mehr den Verfolgungen aus, lassen sich schinden, bis sie blutend zusammenbrechen - Märtyrerhaltung werden geboren. (Szenografie der Körper in Trance. Körper als Instrument der Gegenwehr eingesetzt. Märtyrer der Wahrheit. Körper als Ausdruck der Endzeit bzw. des Jüngsten Gerichts.) Ein Phänomen - zweifelsfrei nicht im Zentrum des historischen Geschehens, aber bezeichnend für die große Suche nach religiöser Orientierung. |
Darstellung von Konvulsionisten auf zeitgenössischen Stichen. Die "Bändigung" eines Opfers in einer Anstalt, slow-motion Effekte. |
7. Ein Königreich für eine Revolution
Ludwig XIV. Versailles. Ludwig XV.
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"Ein Königreich, eine Religion" - mit diesem Motto hatte der König (Ludwig XIV.) die Macht des Episkopats über den Pfarrklerus gestärkt. Und doch mußte sich 1764 der König dem Einfluß der Jansenisten, die überall im Staat an Einfluß gewannen, beugen, und die einst so machtvollen Jesuiten verbieten. |
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Was heißt Religion in den Zeiten der Aufklärung, der Weltöffnung nach Asien wie nach Amerika? In einer Zeit, in der vernunftbegabte Wesen auch außerhalb der bisher bekannten Welt auf Anerkennung stoßen? Der Gedanke einer weltumspannenden "Naturreligion" nimmt Gestalt an. Die Pfeiler der alten, christlichen Welt stehen zwar noch, aber die Philosophen suchen nicht an ihnen Halt. (Evtl. auszuführen). Zuvor hat der Mensch die bestehende Ordnung nicht angezweifelt. Gott hatte sie schließlich gegeben. |
Kirche, Kirchenglocken. Prozession. Mittelalterliche Assoziation. Philosophie und Naturwissenschaft. Voltaire. Rousseau. Diderot in Frankreich. |
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Natur und Gesetz - die Erkenntnis des selbst. Der Staat als Hüter der Moral. Die Entlassung aus der Unmündigkeit. Der Mensch als Maschine: Der Mensch, reduziert auf naturwissenschaftlich erkennbare Vorgänge, scheint kalkulierbar zu sein. Die Frage nach der Seele erübrigt sich für den Materialisten |
Voltaire und der aufgeklärte Absolutismus oder die erste Internationale der Vernunft. |
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Die Welt der Philosophen gerät aus den Fugen, und Sieyès muß um seine bescheidene Stellung bangen. Und 1778 war Sieyès Sekretär des Prälaten von Tréguier, der sich für ihn jedoch nur einsetzte, wenn es ihm selbst zum eigenen Vorteil gereichte. Sieyès: "Ich glaube den Versprechen dieser Leute nicht mehr als den Vorhersagen des Horoskops. Aber ich tue so, als würde ich daran glauben, weil mir nichts anderes übrig bleibt." |
Ein Hoher Priester der Revolution: Sieyès (ausführen). Von der Geistlichkeit besetztes Chorgestühl während der Ordination von Priestern in einer Kirche heute. |
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Aber auch in der Kirche ist seine Karriere ohne große Aussichten, da er über den Posten des Generalvikars als Nichtadliger nicht hinauskommen kann. Sieyès über die Privilegien: "Kaum haben sie die Kindheit verlassen, haben die jungen Privilegierten schon eine Stelle und Bezüge. Und man bedauert sie sogar wegen ihrer Bescheidenheit. Schauen wir uns doch einmal die Nichtprivilegierten desselben Alters an, die sich um Berufe bemühen, für die Talent und Studium nötig sind. Schauen Sie, ob es nur einen einzigen gibt, der seinen Beruf ernsthaft ausübt. Es kostet die Eltern viel Geld, bevor ihre Zöglinge eine Chance haben, die Früchte dieser langen, mühevollen Arbeit zu genießen." Sieyès, der an die Grenzen, die seinem Stand gesetzt sind, stößt, wird zum Revolutionär - zunächst mit der Kirche, später gegen sie. |
Schreibstube; nah die Hand, die einen Brief verfasst. Ein Seminarist, der verzweifelt lateinische Vokabeln paukt und ständig wiederholt. |
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Die Revolution: das Volk als Souverän. Ein 18. Jhdt.-Globus dreht sich, so daß Nordamerika ins Bild kommt. |
7a. Amerika, du hast es besser
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In Amerika hatte sich das Volk befreit und 1776 eine eigene Verfassung gegeben. Amerika, Du hast es besser. Ein Funke davon ist nach Europa übergesprungen. Rot-weiß-blau - die Farben des Sternenbanners sind auch die Farben der französischen Trikolore. Die niedere Geistlichkeit Frankreichs verbündet sich mit dem Dritten Stand, dieser erklärt sich zur Nationalversammlung. |
tet. Überblendung in Messe in einer katholischen Kirche. Der Priester "redet" auf die Gemeinde ein. |
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8. Das Gesetz der neuen Zeit
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In der Revolution machte der niedere Klerus gemeinsame Sache mit dem Volk: gegen die Oberen. 1789, in Versailles tritt Sieyès auf, jetzt 41 Jahre alt, ein Abbé. Zusammen mit Robespierre und Graf Mirabeau machen sie den "Club Breton" zu ihrer Probebühne für ihre Ideen, eine Vorform der mächtigen Organisation, aus der später der Jakobiner-club hervorgehen sollte. Sieyès plant, den Adel und die Geistlichkeit zum gemeinsamen Handeln zu bringen. Aber der Traum dieser Gemeinsamkeit ist von kurzer Dauer. Die Revolution hat ihre eigenen Gesetze. Unnachgiebig fordert sie den Bruch mit der Vergangenheit. Ein Verräter ist, wer sich dieser verpflichtet fühlt. |
Versammlung von einfachen Leuten, die mit einem Geistlichen diskutieren, evtl. zu drehen in Puy de Fou. |
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Robespierre, der Unbestechliche, glaubt, daß die Menschen von Natur gut sind, daß der "Gemeinwille" Grundgesetz des Staates sein sollte, daß der Mensch irgendeine Form religiösen Glaubens braucht für den Frieden seiner Seele, daß jeder hartnäckige Gegner des Gemeinwesens ohne Bedenken zum Tode zu verurteilen sei. Nur so sind Staatsfrieden und Gemeinwesen zu sichern. |
Der Unbestechliche oder die Kälte der Revolution: Robespierre. |
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"Für meinen Teil räume ich ein, daß ich nur einen Gott gekannt habe - den Gott, der die Welt ist und die Gerechtigkeit .... Der einfache Mann auf dem Lande bestärkt diese Auffassung....weil er in seiner Jugend, als Erwachsener wie als Greis, seine wenigen glücklichen Augenblicke dem Priester verdankt... Laßt ihm seine Illusionen. Belehrt ihn, wenn ihr wollt .... doch laßt die Armen nicht davor zittern, sie könnten das einzige verlieren, das sie an das Leben bindet," sagt Danton. |
Der Samariter der Revolution: Danton. Bildnis oder Büste mit Inschrift, um wen es sich handelt. |
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Die Geistlichkeit, selbst Motor der Revolution, sucht sich selbst zu befreien und zu revolutionieren. Priester verlangen wie es im frühen Christentum üblich war, heiraten zu dürfen. Und sie wollen nicht lateinisch sondern die Sprache des Volkes sprechen. Stimmen werden laut, die die Abschaffung des kirchlichen Gewand fordern - zivil wie die Bürgerlichen soll der Priester vor die Gemeinde treten. Noch sind sich Bürger und Christen einig im aufklärerischen Geist. Mit der ideologischen Auseinandersetzung kommen aber andere Töne in die Debatte: das Christentum wird als antisozial, als Religion der Sklaverei, die Geistlichkeit als Büttel des Adels gesehen. Antiklerikale Schriften kursieren. |
Revolution durch Restauration. |
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Im März 1791 läßt der Papst wissen, daß er die mehrheitlich erhobenen Forderungen des Klerus ablehnt. Talleyrand, der Bischof, wird exkommuniziert. Die Priesterschaft ist gespalten. Ein Teil bekennt sich zur Revolution und schwört den Eid aufs Vaterland. Der andere Teil verweigert sich. Einen Monat später kommt es zu einem öffentlichen Schauprozeß, in dem der Papst angeklagt und verurteilt wird. Eine Strohpuppe im Gewand von Pius VI. wird im Palais Royal verbrannt. Es wird nicht lange dauern, bis die Papsttreuen verfolgt werden. |
Die Papstpuppe wird verbrannt. Pierre-Gabriel Berthault nach Jean-Louis Prieur: "Mannequin du Pape, Brulè au Palais Royal, le 6 Avril 1791. Hamb. Kunsthalle Das Bild geht in ein reales Feuer von einem Scheiterhaufen über. |
9. Die Blüten der Revolution
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Der revolutionäre Akt ist nichts ohne sein Fest. Bereits im Jahr nach dem Sturm auf die Bastille wird ein Ehren-Bankett gegeben: die Frauen als Schäferinnen verkleidet erwarten die Deputierten der Nationalversammlung, die in langer Reihe feierlich einziehen. Auf einem Tisch in der Mitte das Saals steht das Modell der Bastille. Nationalgarden ziehen ihre Säbel und zerschlagen das Symbol des Despotismus. Was für eine Überraschung: ein junges Mädchen, weiß gekleidet, Symbol der Unschuld, kommt aus den Trümmern hervor. Und nicht genug: das Kind zieht die phrygische Mütze, das Symbol der Entrechteten und des Dritten Standes, unter den Trümmern hervor, das Zeichen der Freiheit. Die Mütze wird dem Kind aufgesetzt. Schließlich befördert man Druckschriften hervor: die Menschenrechte und Texte von Rousseau. |
Revolutionspathetik. Blumenkränze in den Haaren von jungen Frauen, leicht verkitscht in slow-motion. Überblendung in: Das Modell der Bastille (wie im Museum Carnavalet, wo eine Nachbildung der Bastille als funktionsfähiger Ofen ausgestellt ist) nah. Zwei Säbel zerschlagen das aus Holz leicht zusammengebaute Modell. Ein junges Mädchen, weiß gekleidet. Die phrygische Mütze, die Gesetzes-texte. Das groteske Gemälde des Denkmals der phrygischen Mütze, Musèe de la Revolution francaise, Vizille. Faksimiledrucke der Menschenrechte. Durchgeblendet auf einen einfachen Mann mit phrygischer Mütze, der "libertè ou mort" ruft, Evtl. verfremdet in slow motion mit Text-over-lay. |
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Die Radikalisierung kommt über Nacht. Freiheit oder Tod lautet der tausendfache Ruf. "La loi est la Religion de l'Etat", das Gesetz ist die Religion des Staates. Das Volk soll das Gesetz nicht nur befolgen, es soll das Gesetz anbeten. Vom Diskurs zum Verbot - der Weg ist kurz. Die Kommune verbietet das Tragen geistlicher Kleidung in der Öffentlichkeit. Alle religiösen Orden werden aufgehoben. |
Jean-Baptiste Regnault, Freiheit oder Tod, Gemälde 1794, Hamburger Kunsthalle Staatsvergötzung als Religionssurogat oder die neue Trinität. Ein Geistlicher legt seine Soutane ab und kleidet sich ländlich. Kleiderständer in einer Sakristei. Die Kamera fährt die Garderobe von zwanzig Geistlichen ab. Kloster. |
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Bildnis von Marat. |
10. Märtyrer des Terrors
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1792, die Lage verschärft sich: Marat, der Einpeitscher der Revolution, predigt, daß die Revolution nicht durch Überzeugung, sondern nur durch Blutvergießen und Diktatur zum Ziel gelangen kann. Es wird beschlossen, "...in Anbetracht der dem Vaterland drohenden Gefahr und der teuflischen Machenschaften der Priester, daß alle Priester..., die sich in den Gefängnissen befinden, den Tod erleiden sollen." Mehr als 25.000 Priester flüchten ins Ausland. Massaker an Priestern im Karmeliterkloster du Luxembourg, in dem 173 Priester, die den Eid verweigerten, massakriert wurden. Der erste Massenmord in der modernen Geschichte - im Namen von Tugend und Aufklärung. Und die Geschichtsschreiber des Neuen Zeitalters? "Sie bewerfen einander mit abgehauenen Köpfen" (Paul Valéry). |
Darstellung des Massakers an den Priestern. Gefängnismauern. Dagegen geschnitten die Guillotine, Straßenpflaster, nah Wagenräder. Die Toten werden abransportiert. |
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Und doch : Wer übernimmt Taufe, Eheschließung, Sakrament beim Tod? Wer führt die Register? Da die Bevölkerung darauf besteht, derartige Ereignisse mit den Sakramenten zu besiegeln, vertieft sich die Kluft zwischen der Frömmigkeit des Volkes und dem Säkularismus des Staates. Kommune, Girondisten, Jakobiner - alle wetteifern in der Hoffnung, aus der Aufopferung für die junge Republik eine neue Volksreligion zu schaffen. |
Ein Baby über einem Taufbecken. Kirchenbücher, Kirchenregister. Hochzeit, Trauerfeier. |
11. Die heilige Trinität der Neuen Zeit
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Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit sollen Vater, Sohn und Heiligen Geist ersetzen und die neue Trinität zum hauptsächlichen Ziel der neuen Sozialordnung wie auch zum Prüfstein sittlicher Gesinnung machen. "La Loi est mon Dieu, je n'en connais point d'autre" - "das Gesetz ist mein Gott, ich kenne keine anderen neben ihm," lautet das neue Gebot (1791). Der neue Glaube war ein internationaler Glaube, ein universeller Glaube, ein "wahrer" Glaube. |
Die Trinität in der Bildenden Kunst. Die "Übersetzungen" in die Neue Religion. |
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Die Geschichte der Ermordung des Marat (auszuführen). |
Die Ermordung Marats: die Geburt des neuen Jesus - das heilige Herz Marats. Eine bürgerliche Wohnung in Paris, die Tür wird geöffnet. Subjektive Kamera, sie schreitet durch die (engen, bescheidenen) Räume. Marat, von hinten gesehen, sitzt in seiner berühmten Wanne. Dichter Wasserdampf erfüllt den Raum. Die Kamera ist nah an dem Gewand der Mörderin. Der Dolch kommt hervor, wird Marat in den Leib gestoßen: Der Mord durch Charlotte Corday am 13. Juli 1793. |
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Der Körper des Toten wird geöffnet, das Herz herausgenommen und einbalsamiert und in einer Urne getrennt bestattet. Der Reliquienkult hat die Väter der Revolution erfasst. Leichenprozession und Grablegung waren ein riesiges, theatralisches Ereignis. Weißgekleidete Mädchen und Knaben führten die Prozession an. Der Körper wurde offen zur Schau gestellt, die Wunde entblößt. 12 Männer trugen den Leichnam. Weihrauch wurde geschwenkt. Hinter dem Toten wurden seine Schreibutensilien getragen, danach die Badewanne, in der er sein halbes Leben zugebracht hatte. An der Pont Neuf wurden Kanonen abgfeuert. |
Die Aufbahrung des Toten in der Eglise des Cordeliers, einen Scheiterhaufen imitierend. (Musèe Carnavalet). |
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"O cor Jesus, ô cor Marat (sic!)! Coeur de Jesus, coeur de Marat! Vous avez les mêmes droits à nos hommages..." Oh Herz Jesu, oh Herz des Marat, ihr habt das gleiche Recht auf unsere Verehrung!", heißt es in einem Nachruf auf den toten Marat. Man zelebriert einen Kult um ihn mit Liedern und Litaneien: "Oh heiliges Herz Jesu, oh heiliges Herz Marat." |
Eine Büste von Marat. Das Bild der Büste von Marat in den Markthallen, blumenbekränzt, Holzstich von Bendamour, 1880. |
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Im ganzen Land werden Büsten von Marat aufgestellt. Bei der Enthüllung in Dijon macht Sauvageot, der Bürgermeister, Jesus und Marat zu Philosophen: "Jesus lehrte in Jerusalem, Marat in Paris, Jesus lehrte in den Wüsten und Marat in den Wohnquartieren der Städte, beide liebten das Volk, beide hassten sie die Tyrannei, beide wollten sie die Gleichheit, beide wurden Opfer ihres Kampfes." Aber damit nicht genug: auch das Alte Testament und die griechische Götterwelt werden beschworen: "wie Elias zum Himmel aufstieg und seinen Mantel seinem Schüler hinterließ, so ließ Marat, indem er unter dem schändlichen Dolch starb, seinen Geist zurück. Und wie Moses erst starb, als seine Weissagung erfüllt war und er unter Blitz und Donner die Gesetze verkündet hatte, so starb auch Marat erst, als das große Werk der Erneuerung vollendet war.... Er hat das heilige Feuer entflammt, das Feuer der Freiheit, dieser neue Prometheus! " (Aus der Grabrede am 4.August) |
Gipsformerei: Büsten werden hergestellt und bemalt. |
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Im Volk drückt sich die Verehrung auf neue Weise aus: Kindern wird der Name des Revolutionär gegeben: Brutus-Marat, Rousseau-Marat, oder auch nur Marat heißen neugeborene Knaben. 29 Städte wurden nach ihm umbenannt. Und der berühmte Mont-Martre hieß fortan: Mont-Marat. |
Darstellung von Montmartre mit Windmühlen. |
12. Auf dem Altar der Vernunft
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Nach seiner Ermordung bricht noch einmal der Terror aus - der Mord an Marat wird den eher gemäßigten Girondisten angelastet, die nun auf die Guillotine geschleppt werden. |
Projet d'Arc de Triomphe à l'entrée des Champs-Elysées, anonym, Musée Carnavalet. Die Massenfeierlichkeit. |
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Erst danach sucht die junge, von Terror zerfressene Republik nach einer Friedenspause. Sie kehrt zur Feier zurück, pompös und größenwahnsinnig. Am 10. August feiert sie das Fest der Einigkeit und Unteilbarkeit. Der Ort der "Assemblée", der Versammlung der Gesetzgeber, wird Tempel der Verfassung genannt. Verfassungsbücher werden in Form kleiner Bibeln gedruckt, damit jeder sie in der Tasche tragen kann. |
Kerzen, Fackeln nah, Trikoloren flattern im Schein. Überblendungen in die Symbole der Nation, allegorische Statuen. Revolutionsarchitektonische Entwürfe. Darstellung der verfassunggebenden Versammlung. Der Verfassungstext wie ein Pamphlet. |
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Die neue Zeit bringt eine neue Zeitrechnung. Das Jahr Null der Revolution ist das Jahr 1793. Die Monate bekommen neue Namen, Thermidor ist der warme Sommermonat von Mitte Juli bis Mitte August, Fructidor der Erntemonat im Herbst. Den Sonntag gibt es nicht mehr, die Wocheneinteilung wird durch Dekaden ersetzt. |
Darstellungen der Kalender. |
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Im ganzen Land werden Altäre errichtet, "Altäre des Vaterlandes". Ein Gesetz vom 26. Juni 1792 verlangt von allen Kommunen des Reiches, Altäre zu errichten mit der Inschrift: "Der Bürger wird geboren, lebt und stirbt fürs Vaterland". Auf dem Altar des Vaterlandes werden Kinder "bürgerlich" getauft. Im Rausch der Revolution fallen die Schranken zwischen den Religionen und Konfessionen. Priester, Pastoren und Rabbiner fallen sich versöhnlich in die Arme. 1792: Die Zivilehe ersetzt das Heilige Sakrament der Ehe, die Scheidung wird legalisiert. Ein moralischer Verfall als Folge? 44.000 Findelkinder registriert man im Jahr 1796. |
Altäre/Rekonstruktionszeichnungen. |
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In Notre Dame wird das Tedeum der Vernunft gefeiert. |
Notre Dame |
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Die Kirche Ste.-Geneviève, in Form eines römischen Tempels mit einer Säulenhalle erbaut, wird säkularisiert. Als Pantheon wird sie heidnische Grabstätte für Voltaire, Rousseau und Marat. |
Panthèon ("panthèonisations"). Kirchl. Prozessionen. Weltliche Prozessionen. Gegensätzliche Musiken prallen aufeinander. |
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Für Sieyès dienten Feste dazu, das Volk zu erziehen. Öffentliche Feste förderten den Wettstreit des Geistes, die Entwicklung der Künste und die Erweiterung des Wissens. Es sollte ein Fest der Alten und eins der Jungen, ein Fest des Handwerks und ein Fest der Druckerei geben. Als Sieyès in der Nationalversammlung gar ein Fest zu Ehren der "animaux compagnions de l'homme", ein Fest zu Ehren der Tiere, die den Menschen begleiten, vorschlägt und fragt, "que serait la societé francaise sans le chien, sans le cheval es sans le beuf", "was wäre die französische Gesellschaft ohne den Hund, ohne das Pferd, ohne das Rind", da begann es aus allen Reihen zu miauen und bellen, zu wiehern und zu muhen. Blamiert zieht er sich schmollend zurück. |
Feiern zum 14. Juli heute, Feuerwerk, Straßentanz. |
13. Das Fest des Höchsten Wesens
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Robespierre erkennt, daß Gott wieder in sein Amt eingesetzt werden muß. Also tut er es und macht sich, auf die Vorschläge von Sieyès gestützt, zum Oberpriester. Das Christentum durch den Rationalismus zu ersetzen war mißlungen. Das Volk ließ sich nicht den Kirchgang nehmen, und sah nicht tatenlos zu, wie man seine Seelsorger belästigte und verfolgte. Und als Präsident des Konvents, der obersten Exekutive, hält Robespierre 1794 eine von seinen über 500 großen Reden. Diesmal um Kirche, Religion und Bürgertum miteinander zu versöhnen. Am 7. März 1794 wird vom Konvent ein Dekret beschlossen, in dem es heißt: "Das französische Volk erkennt die Existenz Gottes und die Unsterblichkeit der Seele an," und weiter: "Es erkennt, daß die des Höchsten Wesens würdige Art des Kultes in der Erfüllung der Pflichten des Menschen besteht." |
Bildnis: der Kult der Natur (Le Culte Naturel), Radierung Bibliothêque Nationale, Dèpartement des Etampes. Das Marsfeld unter dem Eiffelturm in ‹berblendung zu einer Darstellung von La Féte de l'Etre Supréme 1794. |
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Am 8. Juni 1794 lädt der Konvent zum "Fest des Höchsten Wesens": ein Schauspiel vor 100.000 Menschen auf dem Marsfeld macht Robespierre zum Gespött späterer Generationen. Es ist das Bekenntnis zum Pantheismus, mit dem er den Atheismus der Aufklärung und den Katholizismus der alten Zeit überwinden will. |
Das Fest auf dem Marsfeld. |
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Mit Blumen und Weizenähren in den Händen schreitet der Unbestechliche an der Spitze eines Zuges, milchweiße Ochsen ziehen Wagen mit goldgelben Korngarben, dahinter Schäferinnen und Schäfer als Vertreter der Natur und als Symbol und Stimmen Gottes. Dazu Musik und Chorgesänge. Der Maler David hat ein Bildnis des Atheismus errichtet, gegenüber ein Bildnis der über alle triumphierenden Weisheit. Robespierre, als Verkörperung der Tugend, baut sich mit einer Fackel auf, um das Emblem des Atheismus öffentlich zu verbrennen. Per Dekret hatte die Nationalversammlug die Unsterblichkeit der Seele verkündet. Doch ein ungünstiger Wind schlägt die Flamme gegen das Bildnis der Weisheit. Eine große Inschrift verkündet: "Das französische Volk erkennt das höchste Wesen und die Unsterblichkeit der Seele an". David - Selbstportrait, Uffizien Florenz. |
Die Bilder Jaques-Louis Davids. In Details: die blumengeschmückten Ochsenwagen, Schäferinnen etc. zu drehen in Puy. |
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David - der erste moderne Propaganda-Künstler führt Regie bei diesem Großereignis. Robespierre wird in diesem "Fest der Hunderttausend" der selbsternannte Priester. Und das Volk - welche Rolle spielte das Volk? Es war in seiner massenhaften Anwesenheit Symbol seiner eigenen Souveränität. Es nahm das Spektakel nicht unwidersprochen an. Ein Mann aus der Menge ruft Robespierre zu: "Der Lump. Er ist nicht zufrieden, der Herr zu sein, ein Gott ist er auch noch." |
Der Dom der Weisheit ("à la Sagesse Suprême") von den Architekten der Freiheit (Boullée, Ledoux, Lequeu). |
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Architekten ohne Aufträge gestalten die Feste: die eintägige Architektur und der Widerspruch zur Ewigkeitsarchitektur des Neuen Geistes. Solche Feste sind Religionsersatz. |
Die grandiosen Beispiele der Fest-architektur, die wie die vorweggenommene Blendwerk-Architektur des Nationalsozialismus scheint. Eine Fackel, die an einen Scheiterhaufen gelegt wird. Das Bild des Atheismus geht in Flammen auf. |
14. Die graue Eminenz
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Während all dem bleibt Sieyès vorsichtig im Hintergrund. Talleyrand, der ehemalige Bischof, über Sieyès: "Sieyès ist von äußerst kraftvollem Geist, sein Herz ist kalt und seine Seele kleinlich, im Kopf ist er unbeweglich. Er kann unmenschlich sein, weil sein Stolz ihn daran hindert, nachzugeben und die Angst ihn Verbrechen begehen läßt. Er verkündet die Gleichheit nicht aus Menschenfreundlichkeit, sondern aus heftigem Haß gegen die anderen. Man kann nicht sagen, daß die Ausübung der Macht zu ihm passt, denn nie würde er sich an der Spitze einer Regierung wohlfühlen. Aber er würde gern der einzige Gedanke (la pensée unique) sein." Als ahne er die Schrecken der Revolution, zieht sich Sieyès aus vorderster Linie zurück. Seinen Hals will er nicht riskieren. Jahre nach dem blutigen Terror, dem viele der Revolutionäre selbst zum Opfer gefallen sind, sagt er ironisch: "J'ai vécu", "ich habe überlebt". |
Das Portrait von Sieyès, gemalt von David 1817. Bürgerliche Wohnung des 18. Jahrhunderts, evtl. Rousseau-Villa (?), bei halb zugeschlagenen Fensterläden. |
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Soldaten kämpfen, Städte gehen in Feuer und Rauch auf. In einer halbzerstörten Kapelle hält ein Priester Messe. Wir sind in der Vendée. Priester haben sich der Revolution widersetzt. Bauern ziehen unter Kirchen-fahnen in den Heiligen Krieg. Königs- und Religionstreue - ein doppelter Fanatismus. |
Der Religionskrieg in der Vendée. Widerstand in Frankreich. Der Kampf in historischer Rekonstruktion. Regierungssoldaten der Federation gegen die Traditionalisten von der Vendée. Zu drehen in dem historischen Park von Puy de Fou in der Vendée. Kirchen, Häuser, ganze Dörfer in Flammen. |
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Pierre-Michel Alix, Joseph Barra, Farbstich, Hamburger Kunsthalle |
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Die Kriegstechnik nimmt spätere Guerilla-Taktik vorweg. Die ärmlichen Soldaten der Vendée kannten keine Uniformen. Ihre Uniform war das rote Halstuch. Die Kirche geht in den Untergrund. Die königstreuen Soldaten verlangen, der von ihnen gefangengenommene Junge solle ausrufen: "Vive le Roi". Der Junge aber ruft: "Vive la Republique". Das kostet ihn sein Leben. Die Revolution will Märtyrer. Der Maler David malt den jungen Barra, nackt. Sterbend drückt er die Kokarde mit den Farben der Republik an sein Herz. Ein unnützer, ein blutiger Krieg ohne Sieger und ohne Besiegte. Am 15. Februar 1795 wird ein Friedensvertrag mit den Aufständischen in der Vendée geschlossen, der ihnen die Freiheit des Gottesdienstes garantiert. Als drei Monate später alle übrigen Kämpfe eingestellt werden, kommt es zu einer neuen Bürger-Verfassung von Rechten und Pflichten. Von diesem Tag an gibt es in Frankreich Religionsfreiheit - Bestandteil jeder freiheitlichen Gesellschaftsordnung. |
Soldaten ergreifen einen Jungen. Tumult. Der Junge wird hingerichtet. Morphing vom Gesicht des Jungen auf das Gemälde Davids. Felder, von denen langsam der Rauch der vergangenen Schlacht abzieht. |
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Das Himmelreich auf Erden. Schulen, Universitäten, Krankenhäuser, Asyle. |
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Worum ging es bei all dem? Die mittelalterliche, reformunwillige und - unfähige katholische Kirche als nationale Staatskirche wurde hinweggefegt. Sie verlor ihre weltliche Macht (Erziehung, Diakonie, Grundbesitz) und ihre religiöse Stellung. Der Papst wird symbolisch verbrannt. |
Bildnis: Die Zerstörung von Saint Jean en Greve, Ölbild von Pierre-Antoine de Machy. Das Bild hält die Zerstörung der schönen, gotischen Kirche nahe beim Hòtel de Ville fest (Museum Carnavalet). |
15. Die göttliche Macht der Gesetze
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Montesquieu. Er glaubte an die Allmacht der Gesetze, er glaubte, daß die Gesellschaft durch Verbesserung der Gesetze zum Glück gelangen kann. Das Glaubensbekenntnis der Revolutionäre - Marat, Danton, Robespierre - hat sich aus der Philosophie eines Montesquieu, eines Rousseau und der Enzyklopädisten des 18. Jhdts. abgeleitet. Für den katholischen Christen wirkt in der Kirche der Geist Jesu Christi weiter in der Geschichte. Die neue Doktrin dagegen hält den Menschen fähig, sein Glück aus eigener Kraft zu erreichen, nicht durch Gebete und Wunder, sondern durch Abstimmung und Gesetze - eine Idealisierung der Politik (dieser sicher angreifbare Text ist nicht Kommentar, sondern Vorgabe für ein schwierig in wenige Worte zu fassendes Verhältnis - an dieser Stelle wäre ich den Kritikern für einen einfachen, unvorgebildeten Zuschauern eingängigen Textvorschlag dankbar.) Hinweg mit dem Alten. Neue Städte will man bauen, Städte für die Menschen der Zukunft. Ideale Städte. Utopien - zum Greifen nah? Rationalisierung ohne Rücksicht auf Traditionen und Glauben. Stattdessen neue Kult- und Glaubensinhalte. In letzter Konsequenz statt Gott die Vernunft als Göttin. Statt christlicher Denkmäler eine Säule für jedes Departement. |
Bildnis von Montesquieu. Die zerstörten Kirchen und der Neubau einer Universität auf dem Gemälde von P.A. Demachy. |
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"Diese wahrhaft menschliche Hinrichtungsweise verursacht kaum Beschwerden, ganz im Gegenteil wird der Delinquent eine leichte Frische auf dem Hals verspüren. Mit dieser Maschine will ich in einen Augenblick Ihnen das Haupt von den Schultern herabtanzen lassen, ohne daß Sie nur das geringste verspüren," so vertrat der Arzt und Abgeordnete Dr. Guillotin den Vorzug seiner Maschine vor der Nationalversammlung. Sie wird auf dem Platz vor dem Königsschloß aufgebaut. Der Tod wohnt mitten in Paris. |
Die Guillotine: das Fallbeil fällt, wird langsam wieder hochgezogen, fällt wieder etc. |
16. Unter der Guillotine sind alle gleich
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Nicht mehr vor Gott, vor der Guillotine sind alle gleich. Der König, Ludwig der XVI., und Marie Antoinette werden unter dem Jubel der Menge aufs Schafott geführt. Die "Köpfe fallen wie Ziegel von den Dächern". Der Abbé Sieyès steht auf der Seite der Henker. Es trifft viele. Die Guillotine kommt nicht zur Ruhe. Die Revolutionäre sind tief zerstritten und bekämpfen sich aufs Messer. Nach Marats Tod schickt Robespierre Danton aufs Schafott. "Vergeßt nicht, meinen Kopf dem Volk zu zeigen; solche Köpfe bekommt es nicht alle Tage zu sehen," ruft er seinen Henkern zu. In Robespierres Konvent aber wechseln die Mehrheiten. Mit einemmal steht er selbst unter Anklage. Mit zerschossenem Kiefer, halb wahnsinnig vor Schmerzen, ein lebender Leichnam, nicht viel mehr, wird der Volkstribun aufs Schafott gezerrt. "Auf diese Weise starb das blutgierigste Raubtier, der ungeheuerlichste Bösewicht, den die Natur je hervorgebracht hat." |
Die Mechanik, die Rollen, das Seil werden geölt. Die Klinge wird mit einem Lappen gereinigt. Wie am Anfang: extrem langsame Aktion an der Guillotine, die nicht mehr zur Ruhe kommt (Geräusche spielen dabei eine wichtige Rolle). Darstellungen der Hinrichtung des Königs und der Marie Antoinette. |
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Die Gefängnisse öffnen sich, und Tausende, die ihr Schicksal besiegelt sahen, kehrten zu den Lebenden zurück. Verlassen steht die Todesmaschine auf der Place de la Concorde. In der Reaktion kommt es zu neuen Blutbädern. |
1794, nach dem Sturz Robespierres am 27. Juli und der Hinrichtung von 21 Gefolgsleuten: Place de la Concorde, die Guillotine erhebt sich gegen den roten Abendhimmel. |
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Die psychische Verarbeitung des Terrors dauert an. Frauen, die Verwandte unter der Guillotine verloren haben, tanzen auf sogenannten "Bällen der Opfer", um der Toten zu gedenken und das eigene Überleben zu feiern. Es sollte noch Jahre dauern, bis die Wunden verheilt waren. Der Krieg im Land geht weiter. |
Ein Ballsaal. Frauen verschiedener Altersgruppen in weißen Kleidern, um den Hals rote oder schwarze Halstücher, die Haare über dem Nacken kurz geschnitten. Es ist einer der "Bälle der Opfer". |
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Sieyès wird im Juni1798 Botschafter am preußischen Hof. Er geht nach Berlin. Dort aber hat man für den "Königsmörder" und "Adligenhasser" nicht viel übrig. Schon im nächsten Jahr wird er nach Paris zurückgerufen. Die Situation in Frkr. ist verzweifelt: Hungersnöte, Arbeitslosigkeit, Niederlagen gegen die Österreicher und Russen in Italien, Niederlanden und der Schweiz. Nur aus Ägypten kommen von einem jungen General namens Napoleon Erfolgsmeldungen. |
Das Zwischenspiel von Berlin. Sanssouci und Glienicker Schloß. |
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Nun schlägt die Stunde der grauen Eminenzen, die alle Wirren überstanden haben. Und es ist die Stunde eines Mannes, der für Frankreich in Italien und Ägypten kämpft: Napoleon Bonaparte. Direktoriumsmitglied Sieyès, Polizeiminister Fouché und Außenminister Talleyrand - alle drei sind frühere Kleriker! - organisieren 1799 einen Staatsstreich: Napoleon wird erster Konsul, wird als Retter in der Not bejubelt. Die Revolution wird für "beendet" erklärt. Kein anderer als der Abbé Sieyès, nach zehn Jahren Revolutionspolitik noch immer nicht müde, ist der Königsmacher. Es ist die letzte große Tat des früheren Geistlichen, der noch weitere dreieinhalb Jahrzehnte die Geschichte seines Landes beobachten kann. 1836, Im Alter von 88 Jahren, stirbt er in Paris. |
Der Königsmacher Sieyès. |
17. Vorwärts in die Restauration
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Seit 1792 hatte der Krieg zwischen Frankreich und fast dem gesamten übrigen Europa getobt: Siege der französischen Bürgersoldaten gegen feudale Söldner. Frankreich diktierte die Zukunft Europas. Der Krieg ging auch um Kolonien. Der erste Weltkrieg der Neuzeit - er dauert mehr als 20 Jahre, bis 1814, als die verbündeten Armeen vor Paris stehen und der zum Kaiser gekrönte, nun geschlagene Napoleon abdankt. Es ging um die Weltherrschaft. Die Folgen: In Deutschland: Zusammenbruch einer rund tausendjährigen Staats-und Rechtsordnung, das Ende des Heiligen Römischen Reichs Deutscher Nation. In der Restauration entstand dann ein säkularisiertes Reich als "Deutscher Bund". |
Die Revolution, Napoleons Krieg gegen Europa und die Folgen (Klammermaterial Napoleonische bzw. Befreiungskriege). Konfessionelle und öffentlichen Schulen, Christliche und nationale Festtage. Kirchenmusik und die Marseillaise. |
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Die Revolution war ein ständiges Fest, schön und schaurig, beglückend und blutig. Die Revolution schuf neue Mythen aus den alten: Aus Moses' Gesetzestafeln wurde die Deklaration der Menschenrechte, aus der Bundeslade der Bund der Provinzen, aus der Gemeinschaft der Heiligen die Gemeinschaft unter der Verfassung, aus Jesus Menschensohn wurde Marat, der Sohn der Republik, aus den christlichen Märtyrern die Märtyrer der Revolution, aus der göttlichen Dreifaltigkeit wurden "Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit". An die Stelle der Erlösung im Jenseits tritt das Streben nach Glück im Diesseits. |
Die Guillotine steht auf einem Hof, das Holz verwittert, das Seil gerissen, die Klinge verrostet. Arbeiter greifen die Bretter und werfen sie auf einen Haufen, wo das Holz verbrannt wird. Ein Altar der Vernunft, Marmorimitation, mit Gesetzestafeln, den Insignien der Revolution etc. geht im Feuer auf. |
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Das 18. Jahrhundert hatte das Christentum und vor allem die katholische Kirche tief zerrüttet. Die politische Macht der Kirche, ihr Reichtum und ihre Privilegien gingen verloren. Zugleich aber setzte eine konsequente Moralisierung ein, ein Umdenken in Fragen der Religion. Die Frage, woher Glaube kommt und was Glaube bedeutet, rückt ins Zentrum der Überlegung. Diese Epoche, in der die Vernunft nach Herrschaft strebt, wirkt bis heute nach. Und seitdem stellt sich die Frage nach der Verbindung von Vernunft und Glaube. Mit dem Anbruch des 19. Jahrhunderts und dem Wiener Kongress, in dem die europäischen Staaten zusammen mit dem geschlagenen Frankreich die Neuordnung Europas vornehmen, wendet sich das Blatt - auch für die Geschichte der Christenheit ...... (Überleitung in die nächste Folge, etwa: Die neue alte Kirche und der alte neue Staat - Kirche und Gesellschaft in der Restauration.) |
Der Hammer saust wieder nieder, verändert, als Maschinenteil in einer Manufaktur des 19. Jhdts., eventuell als ein Dampfhammer. Er knallt aufs Blech, daß es scheppert, und formt daraus Werkzeuge o.ä.. Übergang zu einem Hammer, der auf eine schwere Glocken schlägt. Wien: Schönbrunn oder Hofburg. |